Inspiration für Spielleiter: Der Endboss


Ein Prinzip, das ursprünglich dem Computerspiel entliehen wurde und mittlerweile in vielen anderen Medien immer wieder aufgegriffen wird: der Endboss. Auch im Rollenspiel markiert ein epischer Schlusskampf nicht selten das Ende der langen und kräftezehrenden Kampagne.

Doch wie sollte so ein Endboss aussehen? Nun, eigentlich gibt es unzählbar viele Möglichkeiten. Zunächst einmal stellt sich die Frage, ob derjenige, der die Fäden gezogen hat, selbst der finale Widersacher ist oder ob es sich vielmehr um ein Wesen, eine Waffe oder Vergleichbares handelt, was Ersterem zur Verfügung steht. Aber halten wir uns doch gar nicht lange auf. Eigentlich wollte ich euch einen kleinen Baukasten bieten, mit dem ihr ganz fix euren eigenen Endboss entwerfen könnt. Die Werte und Eigenschaften müsst ihr aber schon noch selbst aussuchen. Schließlich möchte ich euch ja nur inspirieren und kein vorgefertigtes Konstrukt liefern.

Wie funktioniert es also? Als Erstes nehmt ihr euch einen passenden Würfel zur Hand und würfelt die einzelnen Blöcke nacheinander aus. Möchtet ihr jedoch so wenig wie möglich dem Zufall überlassen, sucht euch einfach selbst etwas aus den unten aufgeführten Optionen aus und erstellt euch euren Endboss so, wie ihr ihn gerne hättet. Diesen Baukasten könnt ihr nach Belieben abändern oder erweitern. Allerdings passt er auch nicht auf jedes Setting. Dennoch habe ich versucht, alles anhand verschiedener Beispiele so allgemein wie möglich zu halten.

Was ist der Endboss?

  • 1-2 – Der Oberbösewicht selbst
  • 3-4 – Eine erschaffene Kreatur (Elementar, KI in einer Kampfmaschine, Untoter…)
  • 5-6 – Ein Gefolgsmann (Mensch, Ork, Oger…)
  • 7-8 – Eine mächtige Kreatur (Drache, Seemonster, Rancor…)
  • 9-10 – Eine Entität (göttliches Wesen, Halbgott, ein Gott…)

Was macht den Endboss besonders?

  • 1 – Mystische Kräfte (Magie, Telepathie, unerklärliche “Wunder”…)
  • 2 – Waffenmeister (überragender Schwertkämpfer, besonders geschickt, zielsicher…)
  • 3 – Stark (Zerstörerisch, hoher Schaden, großer Wirkungsbereich…)
  • 4 – Elementare Mächte (Feuer, Eis, Blitz…)
  • 5 – Unzerstörbar (stark gepanzert, sehr viele Lebenspunkte, schnelle Selbstheilung…)
  • 6 – Unvorhersehbar (Teleportation, Illusion, anpassungsfähig…)
  • 7 – Erschafft Unterstützung (beschwört Diener, ruft Truppen, erhält Beistand aus Natur…)
  • 8 – Mächtige Ausrüstung (starke Waffen, immense Werteverbesserung durch Gegenstände, magischer Schild…)
  • 9 – Schwer zu fassen (verwandelt sich immer wieder in Gas oder Flüssigkeit, macht sich unsichtbar…)
  • 10 – Mutant (unerklärliche Kräfte, ein bisschen was von allem bereits Erwähntem, verbesserte Attribute und Fähigkeiten über dem Maximum…)

Natürlich könnt ihr hier verschiedene Eigenschaften frei miteinander kombinieren. Denn was wäre das für ein Endboss, der zwar mächtig viel Schaden austeilen kann, aber schon nach fünf Angriffen in die Knie geht. Also grundsätzlich sollten die drei Punkte Schaden, Treffsicherheit und Durchhaltevermögen jeweils einen überdurchschnittlich hohen Grundwert besitzen. Die oben erwähnten Punkte gehen nur noch zwei bis drei Schritte weiter und lassen aus dem Endboss-Kit beispielsweise einen übermächtigen Krieger erstehen.

Wie besiegen die Spieler ihn?

  • 1-2 – spezielle “Waffe” (magischer Pfeil, Bannwort, bestimmtes Material…) -> Erst danach ist der Endboss derart geschwächt, dass er zumindest regulären Schaden nehmen kann.
  • 3-4 – elementare Schwächen (Feuer gegen Eis, Wasser gegen Blitz, Eis gegen Wasser…) -> Alles andere zeigt wenig bis gar keine Wirkung gegen den Gegner.
  • 5-6 – Schwachstellen (ungeschützte Teile, Lücke in der Verteidigung, besonders empfindliches Körperteil) -> Dies könnte wahrlich wie in Videospielen funktionieren: Die Spieler suchen erst nach jener Schwachstelle, die der Gegner zuweilen offen legt, und greifen dann gezielt an. Dies gilt es jedoch spielerisch und erzählerisch gut umzusetzen.
  • 7-8 – Gegenpart (ebenbürtiger Todfeind, eine gegenteilige Macht…) -> Es gibt eine Macht oder einen Kontrahenten, der dem Endboss ebenbürtig ist. Dabei gleichen sie einander genau so aus, dass keiner der beiden ohne fremdes Zutun die Oberhand gewinnen kann.
  • 9-10 – “menschliche” Schwäche (eine alte Liebe, wichtige und lieb gewonnene Kreaturen, Anführer…) -> Selbst Monstrositäten haben meist so etwas wie eine Zuneigung zu jemandem oder etwas ganz Bestimmtem, wie beispielsweise Eltern, Partnerin oder vielleicht ein Wärter, der die Kreatur einst aufzog. Auch der Anführer, dem ewige Treue geschworen wurde, kann ein Druckmittel sein.

Auch hier könnt ihr natürlich noch weitere Möglichkeiten hinzunehmen. Wie kann man beispielsweise ein Gas am besten bekämpfen? Mit einem Wind oder vielleicht auch etwas, das das Gas einsaugt. Überlegt euch im Zweifel selbst, was gegen euren Endboss entsprechend seiner Herkunft und Fähigkeiten am besten funktionieren sollte.

Ein Beispiel

Da ich aktuell an einem Rollenspiel baue, das vor allem mit Robotern funktioniert, möchte ich euch ein Beispiel von einem mächtigen und gefährlichen Endboss-Kampfroboter geben. Dies wäre also je nach Setting entweder eine erschaffene Kreatur oder eine mächtige Kreatur. Eventuell handelt es sich hierbei auch um einen Gefolgsmann.

Auf jeden Fall teilt er gut Schaden mit Kanonen aus, die kleine Sprengkrater zurücklassen, und schlägt mit schweren Hämmern um sich. Besonders gefährlich macht ihn aber seine dicke Panzerung, sodass er wenig Schaden nimmt beziehungsweise besonders lange im Kampfgeschehen verharren kann.

Niedergestreckt kann er durch Ausnutzung mehrerer kleiner Schwachstellen werden: Seine Energiespeicher sind nämlich erst nachträglich anmontiert worden. Dementsprechend sind sie nicht so gut geschützt wie der Rest seines Körpers. Wenn die Spieler diese nun beschädigen, nimmt der Kampfroboter nicht nur Schaden, sondern verliert auch nach und nach Energie, was seine Kampfkraft zusätzlich verringert. Sobald alle Akkus zerstört sind, vermag der Endboss nur noch wenige Runden standhalten, ehe ihm der Saft ausgeht.

Weitere Kräfte und Möglichkeiten

Was ihr oben seht, sind nur einige wenige Ideen. Gerade bei den Kräften eures Endbosses könnt ihr noch Vieles hinzufügen und auch noch weiter ins Detail gehen. Euer untoter Boss könnte ein Geist sein, der Besitz von einem der Spielercharaktere ergreift. Erst wenn dieser Schaden erlitten hat, fährt der Geist aus ihm heraus und verweilt kurz benommen, ehe er erneut in einen Charakter fährt.

Oder wie wäre es mit einem Endboss, der sich selbst in die Luft sprengt und dann seine Einzelteile wieder innerhalb kurzer Zeit selbst zusammenfügt. Eine Teilung der Kreatur in kleinere Versionen wäre ebenfalls möglich, sodass der Gegner zwar immer weniger Schaden austeilt, aber es dafür immer mehr Versionen werden. Dies geht dann entweder bis ins Unendliche oder bis zu einem bestimmten Grad der Teilung.

In einer Kampagne habe ich einmal einen Endgegner erstellt, der die Dunkelheit beherrschen konnte. Dadurch waren die Charaktere praktisch blind und konnten sich nicht auf ihre Augen verlassen. Also mussten sie einen anderen Weg finden, sich in der Finsternis zurecht zu finden und ihren Gegner zu ergreifen.

Ihr solltet aber grundsätzlich eure Spieler immer vor eine irgendwie lösbare Aufgabe stellen. Wenn der Gegner keinen Schwachpunkt hat oder nicht besiegt werden kann, braucht ihr keinen Endboss zu erschaffen. Sollten die Charaktere allerdings im Laufe des Abenteuers mehrere Möglichkeiten verpasst haben, sich entsprechend auf den finalen Kampf vorzubereiten, könnt ihr auch nicht mehr viel tun. Dennoch solltet ihr eure Spieler nicht unbedingt ins offene Messer rennen lassen. Wenn es einen Gegenstand gibt, den die “Helden” im letzten Gefecht benötigen, sollte dieser nicht allzu gut versteckt sein. Alternativ müsst ihr den Charakteren die Möglichkeit einräumen, sich zurückzuziehen, um so die Schwachstelle des Endgegners zu ergründen beziehungsweise den Dungeon oder ähnliches weiter zu durchsuchen. Danach kann es eben auch wieder in den Kampf gehen. So haben die Spieler zumindest eine Chance, die finale Herausforderung siegreich zu überstehen.

Wollt ihr künftig noch mehr und detailliertere Baukästen? Ich finde, diese können eine gute Inspiration für neue Abenteuer oder auch einfach nur für einen kleinen Aspekt zur Auflockerung sein – je nach Thema natürlich.

Zum Artikelbild und wo ihr sonst noch abschauen könnt

Alle Spiele der Souls-Reihe sind gefühlt ein einziger Bosskampf, wie auch Dark Souls 3. Doch es gibt auch hier natürlich noch mächtigere Gegner. Diese haben jeweils verschiedene Stärken und Fähigkeiten und können auch alle irgendwie auf ein bisschen verschiedene Art und Weise besiegt werden. Vor allem aber in Hinblick auf Kreaturendesign könnt ihr bei der gesamten Souls-Reihe einiges abschauen.

Apropos, werft auch immer mal wieder einen Blick in Comics! Jede Reihe, die etwas auf sich hält, zielt auf mindestens einen Bossfight ab. Selbst die Helden der bekannten Comics gäben größtenteils gute Endgegner ab, da sie alle mächtig sind und zugleich mindestens einen Schwachpunkt besitzen. 

Auch Actionfilme wirken in der Regel auf einen finalen Kampf hin. Zwar gibt es hier nicht immer eine Art Bossgegner, aber auch ein anderweitig finaler Kampf gegen viele schwer bewaffnete Gegner, die die Spieler eventuell gegeneinander ausspielen müssen, kann eine Herausforderung darstellen, die eines Finales würdig ist.

Und zu guter letzt lohnt sich natürlich auch der Blick in andere Computerspiele, hauptsächlich Actionspiele oder “Retro”-Games. Selbst Rollenspiele greifen mittlerweile das Prinzip des Endgegners immer häufiger auf. Zwischenbosse dienen hier übrigens genauso also Inspirationsquelle wie der letzte Kampf, ehe die Credits über den Bildschirm flackern.

Felix Mohring

Jahrelanger Pen&Paper-Spieler und -Leiter. War mal in der Gamesbranche tätig. Leitet als Chefredakteur NonPlayableCharacters inhaltlich.
Hauptthemen: Games, Pen&Paper

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  • Sebastian

    Super so ein Baukasten. So was kann man immer gut gebrauchen. Gern mehr davon.