Rotkäppchen, was fürchtest du dich?


Im Jahr 2009 veröffentlichte Tale of Tales das Indie-Game The Path. Ein kurzes Spiel, welches die Rotkäppchengeschichte in sechs modernen Varianten erzählt und den Spieler zum Scheitern auffordert.

Ich entdeckte The Path mehr oder weniger durch Zufall. Ursprünglich suchte ich nach The Woolfe – The Red Hood Diaries, erinnerte mich jedoch partout nicht mehr an den Titel jenes Spiels. So stolperte ich über die Seite von Tale of Tales. Zudem gehört Rotkäppchen zu den Thematiken, welche seit je her meine Aufmerksamkeit erregen. Somit landete das Spiel derart schnell in meiner Steam-Bibliothek, dass ich eigentlich gar keine Zeit hatte, mir durchzulesen, worum es überhaupt geht.

Weiche nicht vom Weg oder doch?

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Der Auswahldbildschirm bietet uns sechs unterschiedliche Mädchentypen. (© TALE OF TALES)

Das Spielprinzip ist recht simpel: Als ersten wählen wir zwischen sechs Schwestern unterschiedlichen Alters. Meine Wahl fällt auf die 15-jährige Ruby, da ich optische Parallelen zu mir feststellen kann.

In einem kurzen Video werden wir von der Mutter zum Waldweg gefahren, der uns zu unserer Großmutter führen soll. Das Spiel gibt uns die Anweisung, dem Pfad zu folgen. Da ich selten das mache, was Tutorials von mir verlangen, lande ich recht schnell im Wald. Ich sammle eine erste Blume ein, laufe zur nächsten und dann zur übernächsten. Irgendeinen Sinn werden diese wohl haben, sonst könnte ich sich ja nicht einsammeln.

Ab und zu taucht ein Mädchen im weißen Kleid auf, das an mir vorbei läuft. Es wirkt durch die transparente Gestaltung wie ein Geist. Während ich es mehrheitlich gekonnt ignoriere, beginne ich mit anderen Objekten zu interagieren und meinen Korb mit weiteren Gegenständen zu füllen. Immer wieder werden dabei Rubys Gedanken in einem handschriftlichen Schreibstil eingeblendet und geben Einblicke in ihre Persönlichkeit.

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Wollen wir uns dem Wolf nähren oder nicht? Die Entscheidung liegt ganz bei uns. (© TALE OF TALES)

Ich verbringe gefühlt Stunden im großen Wald. Nach einiger Zeit wird mir immer wieder meine bisher zurückgelegte Laufstrecke eingeblendet. Dabei wird mir nach und nach klar, dass – selbst wenn ich denn wollte – ein Verlassen des Waldes bereits so gut wie unmöglich ist. Meine Reise endet auf einem Spielplatz. Dort treffe ich auf Rubys bösen Wolf. Richtig gelesen: Rubys böser Wolf. Jedes der Mädchen hat ihren eigenen, der für ihre tiefsten Sehnsüchte und Ängste steht. Ob wir uns dem Wolf schlussendlich hingeben, liegt bei uns. Manch eine Version sieht auch gar nicht so böse aus…

“Da gibt es welche, die ganz zart, ganz freundlich leise, ohne Böses je zu sagen, gefällig, mild, mit artigem Betragen die jungen Damen scharf ins Auge fassen und ihnen folgen in die Häuser, durch die Gassen doch ach, ein jeder weiss, gerade sie, die zärtlich werben, gerade diese Wölfe locken ins Verderben.” (Charles Perrault)

Es folgt eine Zwischensequenz und der Bildschirm wird kurz schwarz. Wenn das Spiel weiter geht, befinden wir uns liegend nahe dem Haus der Großmutter. Es regnet und wir schleppen uns nur noch mit Mühen vorwärts. Endlich an der ersehnten Haustür angekommen, wechselt das Spiel in eine Egoperspektive. Nun beginnt eine abstrakte Reise in das Innere des Mädchens. Am Ende wird uns eine Statistik angezeigt und wir dürfen das nächste Mädchen wählen.

Zusammen mit der Wolfsszene gibt es für jedes Mädchen drei Ereignisse pro Durchgang, die gefunden werden können. Dabei sind die beiden anderen Ereignisse zufallsbedingt. Es können auch nicht alle Objekte mit jedem Mädchen genutzt werden. Somit kann es sich durchaus lohnen, mit jedem Rotkäppchen den Wald zu erkunden.

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Waren wir brav, kommen wir heil bei der Großmutter an. (© TALE OF TALES)

Entscheiden wir uns dafür, brav dem Weg zu folgen, wandern wir ebenfalls kurz durch das Haus der Großmutter. Am Ende legt sich unsere Figur dann zu ihr ins Bett und das Level ist beendet. Haben wir keine Gegenstände gesammelt, erhalten wir die Wertung D und den Hinweis, dass wir gescheitert sind. Das Spiel bietet uns zwar einige Freiheiten, doch Sinn des Ganzen ist es, sich seinem Wolf zu stellen und die Schritte ins Erwachsenalter zu wagen. Wir sollen als Rotkäppchen scheitern, um als Spieler Erfolg zu haben – ein ungewöhnliches Anliegen für ein Spiel.

Steuerungskrämpfe, Grafikfehler und schöne Musik

Das Spiel unterstützt rein theoretisch Controller. Leider ist die Steuerung ein ganz schöner Krampf. Immer wieder zickt das gute Spiel herum und mag die eine oder andere Interaktionsaufforderung nicht ausführen. Tastatur und Maus schaffen da auch keine Abhilfe. An einigen Orten verselbstständigt sich dann auch noch die Kamera und auf ein Mal mag das liebe Rotkäppchen nicht mehr so, wie wir möchten, da es plötzlich entweder gar nicht mehr läuft oder dank Perspektive nicht mehr ordentlich zu sehen ist.

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Das Spiel arbeitet mit mehreren Ebenen und Texten. (© TALE OF TALES)

Die Grafik ist für so ein Indie-Projekt ganz annehmbar. Insbesondere die mehrschichtigen Ebenen können sehr schön aussehen. Leider gibt es auch hier fehlerhafte Kolisionsabfragen: So können wir teilweise durch Bäume hindurchlaufen, der Arm des liegenden Rotkäppchens verschwindet hin und wieder im Boden und in den Videos liegt der Arm des Wolfes nicht um dem Rotkäppchen, sondern schwebt vor ihr in der Luft. Auch die eingeblendeten Texte sind manchmal so blöd platziert, dass sie gar nicht mehr lesbar sind. Schade, dabei sind diese teils sehr schön und tiefsinnig gestaltet.

Beim ersten Durchspielen sind mir diese Macken gar nicht so präsent vorgekommen. Ich war viel zu beschäftigt damit, den Wolf bzw. die Wölfe zu suchen und war gespannt auf das, was passieren würde. Doch als ich das Spiel ein weiteres Mal anwarf, konnte ich diese Störungen nicht mehr ignorieren.

Schön ist hingegen das Charakterdesign. Obwohl alle Mädchen mit den gleichen Farben geschmückt werden, hat jede ihren ganz individuellen Stil. Weiterhin ist die Musik, die von Jarboe komponiert wurde, sehr stimmungsvoll. Gehen wir ohne Umschweif zum Hause der Großmutter, werden wir von einer fröhlichen Kindermelodie begleitet. Begeben wir uns jedoch in den Wald und nähren uns dem Wolf, wird die Musik schrill und bedrohlich.

Die technischen Defizite, die das Spielerlebnis zuweilen einschränken, könnten wir tendenziell unter der Prämisse ignorieren, dass The Path mehr Kunst als ein Spiel sein möchte. Dabei werden uns Thematiken wie Mord, Vergewaltigung usw. nie direkt präsentiert, sondern durch Symbole und Metaphern verschleiert. Der Großteil des Spiels findet in unserem Kopf statt. Eine Seltenheit auf dem grafisch gut entwickelten Spielemarkt. Der künstlerische Anspruch wird durch die Texteinblendung, transparenten Ebenen und Rahmengestaltung nochmals unterstrichen.

Fazit

The Path ist mehr Kunstwerk als Spiel. Es gibt keine Erfolge und kein wirkliches Ziel. Es möchte uns nur eine Geschichte erzählen, die es zu interpretieren gilt. Je jünger die Mädchen sind, desto abstrakter fallen die Reisen und Wölfe aus. Letztendlich muss das Gesamtwerk betrachtet werden. Für den Preis von 9,99 € ist das Spiel nicht für jeden etwas, sondern reine Geschmackssache. Denn The Path ist meines Erachtens zwar kein sonderlich gutes Spiel, aber ein grandioses Kunstwerk der Moderne. Erhältlich ist das Spiel im Übrigen über die offizielle Website oder über Steam.

Was bedeutet diese Wertung? Lest hier!

 

 

Jasmin Dahler

Jasmin Dahler

Lebt in der Welt der Superhelden. Gut eigentlich in der Welt der Superschurken. Egal ob Comics, Games oder Filme, alles wird leidenschaftlich konsumiert.
Hauptthemen: Comics, Hörspiele, Games

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