Aera auf die Ohren


Nachdem Jakob gestern Aera – Die Rückkehr der Götter von Markus Heitz etwas auseinander genommen hat, gibt es heute von mir eine kleine Gegendarstellung, allerdings für das Hörbuch. Gelesen hat dies übrigens Uve Teschner, ein versierter Vorleser.

Wenn ihr grob das Setting und die Geschichte haben wollt, schaut am besten vorher Jakobs Artikel an. Ich nehme auch hier und da auf ihn Bezug, insofern ist es sogar empfehlenswert, ihn vorher zu lesen.

Wie auch Jakob fand ich die Idee hinter diesem Roman besonders spannend, dass die antiken Götter wieder auf der Erde wandeln sollten. Nun hatte ich das Glück, einige Passagen des Buchs bereits von Markus Heitz selbst erzählt und vorgelesen zu bekommen, was dem ganzen schon einen gänzlich anderen Charakter gibt. Ehe ich nun aber ins Detail gehe, ein paar Worte zum Vorleser des Hörbuchs.

Ein guter Sprecher bringt viel Atmosphäre mit sich

Uve Teschner ist vor allem Hörbuch- und Hörspielsprecher. Zwar hat er auch einige Synchronisationen für Filme und Serien übernommen, allerdings keine namhaften Rollen. Im Bereich der Hörbücher ist er jedoch sehr erfahren und wird euch vielleicht schon hier und da über den Weg gelaufen sein. Er ließt beispielsweise die Hörbücher des Thriller-Autors Chris Carter, aber auch dem einen oder anderen Werk von Andreas Eschbach hat er seine Stimme geliehen. Ganz neu übrigens: Im Namen der Ehre: Der Aufstieg Manticores von David Weber und Timothy Zahn.

Uve Teschner sieht schon fast selbst ein bisschen wie Beaurro aus (© Michael Küpker)

Uve Teschner sieht schon fast selbst ein bisschen wie Bourreau aus (© Michael Küpker).

Ich musste mich anfangs erst ein bisschen an Teschner gewöhnen, doch das geht mir bei den meisten, mir zuvor unbekannten Stimmen so. Nach wenigen Minuten konnte ich mich aber voll und ganz auf ihn einlassen. Er macht einen super Job. Die Stimme von Teschner ist eine typische Hörbuchstimme: angenehm, nicht aufdringlich und dennoch markant genug, dass man ihr seine Aufmerksamkeit schenkt. Im Laufe des Buchs verstellt der Sprecher immer mal wieder seine Stimme, je nachdem wen er spricht. Allerdings nimmt er hier nur kleinere Veränderungen vor, sodass es nie übertrieben oder gekünstelt wirkt. Selbst Frauenstimmen kriegt er so gut hin, ohne ins ungewollt Lächerliche zu verfallen.

Am markantesten spricht Teschner den “Schatten” von Bourreau, dem er nicht nur eine eigene, rauchig-kratzige Stimmlage gibt, sondern auch einen leichten Akzent verpasst. Damit trifft er in meinen Augen sehr gut den Killer und gibt ihm einen guten und glaubhaften Charakter.

Ein psychisch labiler Ermittler

Und schon grätsche ich Jakob rein. Ich finde nämlich, dass die beiden wichtigsten Figuren – Bourreau und sein Schatten – ausreichend Tiefe in ihrer charakterlichen Darstellung haben. Tatsächlich erachte ich das teils nur angedeutete Schicksal beider Männer als ausreichend, um mir selbst zu überlegen, was hier wohl wirklich los ist. Auch das Trauma von Bourreau aus jenem Krieg, in dem er seine Familie verloren hat, kommt häufig genug zur Geltung. Nicht zuletzt begründet sich darin seine Verachtung für die Götter und so mancher Drogenexzess (zumeist die harte Tabakware) passt hier super ins Bild. Daneben wirft er sich eindeutig in die Arbeit, damit er sich ja nicht zu viel mit sich selbst beschäftigen muss.

In der Tat wäre ein Charakter, der wimmernd in der Ecke sitzt, nicht besonders ertragreich und spannend. Nichtsdestotrotz ist Bourreau ein Kämpfer und Profi, der seine seelischen Wunden zu ignorieren versucht und dies meist auch schafft. Außerdem umgibt ihn etwas Geheimnisvolles, das sich immer wieder andeutet. So formt der Kommissar mit dem Qualm seiner Zigarre Zeichen, lässt den Rauch mal schnell verfliegen oder sich im Raum festsitzen. Es ruhen also irgendwelche mystischen Kräfte in ihm.

Hier und da trifft er auch  auf göttliche Wesen, denen er immer mehr als nur frech kommt. Wären es wirklich die antiken Götter, würden sie Bourreau vermutlich einfach mit einem Fingerschnippen von einem Blitz erschlagen lassen, oder ähnliches. Daher stellt sich die Frage: Sind es wirklich Götter oder hat Bourreau etwas Besonderes, eine gewisse Macht, an sich? Unser Protagonist beantwortet diese Frage, dass es keine Götter seien und hat mehrere verschiedene Erklärungen dafür.

Alles in allem scheint Bourreau ein starker Charakter zu sein, ein Experte und gefragter Ermittler, der sich auf niemanden verlässt – und das auch nicht muss. Aber eigentlich ist er ein psychisch labiler Mann, der diverse Traumata – Verlust seiner Familie, Erlebnisse aus dem Götterkrieg – noch nicht einmal im Ansatz überwunden hat. Diese nutzt er teilweise als Antrieb, ist aber auf der anderen Seite ein Pulverfass, dass jederzeit hochgehen könnte.

Killer, killer behind the wall…

Das (digitale) Cover des Hörbuchs. Offensichtlich exklusiv bei Amazon beziehungsweise Audible.

Das (digitale) Cover des Hörbuchs. Offensichtlich exklusiv bei Amazon beziehungsweise Audible.

Sein Schatten ist in erster Hinsicht vermutlich eher ein schriftstellerischer Kniff von Heitz. So kann er Bourreau immer wieder auch von Außen betrachten und einen komplett neuen Blickwinkel einnehmen. Gleichzeitig greift der Schatten immer wieder in den Lauf der Geschichte ein – anfangs unerkannt, später von Bourreau bemerkt und immer wieder auch gejagt oder in Fallen gelockt.

Der Schatten wirkt dabei aber nicht nur wie ein Autorenwerkzeug, sondern ist ein eigenständiger Charakter mit seiner eigenen Geschichte und eigenen Ansichten. Er kommentiert immer wieder das Geschehen auf herbe Weise und wirkt gleichzeitig wie eine Art böser und dunkler Bruder von Bourreau. Wo dem Kommissar die Kaltschnäuzigkeit fehlt, greift sein Schatten ein. Wo Bourreau betont freundlich und höflich ist, schlägt der andere allen in die beschissenen Fressen – und zwar mit ziemlich genau diesem Wortschatz.

Tatsächlich könnte es sein, dass Teschner gerade dem Schatten von Bourreau einiges mehr an Leben einhaucht, als es im Buch der Fall ist. Trotz allem finde ich gerade diese beiden Figuren alles andere als flach oder mit einem unzureichenden Hintergrund ausgestattet.

Wo sind all die Götter hin?

Nun aber zum Thema Götter: Ja, hier muss ich Jakob recht geben. Ich hatte auch mehr Götter erhofft und erwartet. Die wahren göttlichen Eingriffe sind spärlich gesetzt und es hätte öfters mal ein Ares, Loki, Kali oder ein Anubis auftauchen können. Andererseits passiert es auch in Fantasy-Romanen eher selten, dass der Kriegsgott sich ständig und in jede Schlacht in persona einmischt.

Immer dann, wenn es um Götter geht, senden diese häufiger Zeichen, die die Gläubigen dann dem göttlichen Wesen zuordnen. Übrigens auch in der Antike. Zwar gibt es viele Geschichten über Götter, die durch die Straßen wandeln und irgendwelche Dinge tun, doch haben sie sich meist verborgen, ob nun in einer Verkleidung oder einer anderen Form. Zeus beispielsweise war als Stier, Schwan und anderen Tiergestalten unerkannt unterwegs. Also vielleicht sind die Götter bei Aera doch ständig anwesend, doch nur selten wirklich erkennbar…

Und in noch einen Punkt kann ich Jakobs Meinung nicht folgen: Markus Heitz kann mehr als nur Fantasy. Das hat er in meinen Augen nicht nur mit Aera bewiesen, sondern auch mit anderen Büchern wie Oneiros (Thriller), Totenblick (klassischerer Krimi um die Jagd eines Serienkillers) und Collector (Sci-Fi). Vielleicht wird Jakob auch einfach nicht damit warm, dass Heitz anders an diese Genres herangeht als an seine Fantasy-Romane und doch auch anders als andere Autoren.

Fazit

Aera ist gewiss nicht das beste Buch, das Heitz je geschrieben hat. Und ich finde, man merkt wirklich sehr genau, dass er eigentlich schon mehrere Bücher im Kopf hatte und Aera (hoffentlich) auch weitergehen sollte. Das führt zu einigen nicht aufgelösten Situationen, die jedoch Mutmaßungen und Ideen bei mir – in diesem Fall – als Hörer losgetreten haben.

Wenn ihr in Büchern Figuren klar umrissen braucht und bloß möglichst wenig Geheimnisse der Protagonisten haben wollt, dann solltet ihr zu einem anderen Buch greifen. Ihr werdet euch kaum bis gar nicht mit Bourreau identifizieren können, wobei das allen einigermaßen gesunden Menschen ohne schlimme Traumata so gehen sollte. Ich spreche aber sonst eine klare Kaufempfehlung für das Hörbuch aus. Die Welt ist interessant, die Geschichte spannend, der episodenhafte Aufbau genau richtig und die Charaktere bieten viel Raum für Interpretation. Außerdem ist Uve Teschner ein toller Vorleser und eine sehr gute, wenn nicht sogar die beste Wahl.

Was bedeutet diese Wertung? Lest es hier nach.

 

Aera – Die Rückkehr der Götter
Autor: Marcus Heitz
Erzähler: Uwe Teschner
Laufzeit: 21 Stunden und 33 Minuten
Verlag: Audible GmbH
 

Aera: Die Rückkehr der Götter

Price: EUR 28,81

3.9 von 5 Sternen (83 customer reviews)

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Felix Mohring

Jahrelanger Pen&Paper-Spieler und -Leiter. War mal in der Gamesbranche tätig. Leitet als Chefredakteur NonPlayableCharacters inhaltlich.
Hauptthemen: Games, Pen&Paper

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