Die Legenden von Andor


In einigen Wochen wird der dritte und abschließende Teil der Legenden von Andor erscheinen. Bevor aber Die letzte Hoffnung erscheint, möchte ich in einer kurzen Serie auf die letzten Jahre zurückblicken. Lasst uns daher gemeinsam herausfinden, was Die Legenden von Andor eigentlich so besonders macht.

Ein “Erstlingswerk”

Andor Box

Das Cover verspricht klassische Fantasy (© Kosmos)

Michael Menzel war in der Brettpielszene schon lange vor Die Legenden von Andor kein unbeschriebenes Blatt mehr. Viele bekannte und weniger bekannte Spiele wurden von ihm illustriert. Da wären Jambo, Shogun und Die Säulen der Erde, um nur einige der früheren Titel zu nennen. Wer kann es ihm da verdenken, dass er nach Jahren des Illustrierens mal selbst ein Brettspiel entwerfen mochte. Dabei konnte wohl niemand vorausahnen, dass aus einem Hobbyprojekt, welches er einst mit seinem Sohn begonnen hatte, ein weltweit erfolgreiches Spiel wurde, das inzwischen nicht nur in unzählige Sprachen übersetzt wurde, sondern auch diverse internationale Auszeichnungen gewonnen hat.

Was Besonderes…

Aber was genau macht Die Legenden von Andor denn nun zu so einem besonderen Spiel? Wenn ich es mir recht überlege, kommt da tatsächlich vieles zusammen: Zu nennen wären sicherlich erst einmal Menzels wunderbar detailreiche  Illustrationen; die Möglichkeit gemeinsam mit anderen Spielern eine Geschichte zu erleben; ein leicht zugängliches Regelwerk, welches man im Laufe des Spiels erlernt; und ein Fantasy-Abenteuerspiel mit Hauptaugenmerk auf Teamwork und Aufgabenverteilung jenseits von Kampf und Heilung, ohne dabei zum reinen “Storytelling” zu verkommen.

Andor in Gefahr!

Tutorial

In der ersten Legende erklären sich die Plättchen selbst.

Im Grundspiel von Die Legenden von Andor macht ihr euch mit bis zu drei Mitpielern auf, das Land Andor vor einfallenden Feinden zu schützen. Zur Auswahl stehen klassische Archetypen wie Krieger, Magier, und Bogenschützen (sowie Zwerg) in beiden Geschlechtern. Dabei besitzt jeder Held eine kleine Besonderheit, welche ihn von den anderen Charakterklassen deutlich unterscheidet. Die Los-Spielanleitung hat gerade mal vier Seiten und beschäftigt sich primär mit dem Aufbau der ersten Legende. Ein achtseitiges Begleitheft hilft euch, wenn ihr mal eine Regel nachlesen möchtet. Nachdem ihr also das Spiel aufgebaut habt, könnt ihr sofort loslegen. Keine weiteren Regelstudien sind notwendig. Das ist einer der großen Besonderheiten dieses Spiels – Kaufen, Auspacken, Aufbauen, Losspielen, Spaß haben. Endlich mal ein Spiel, das man auch sorgenfrei an Regelmuffel verschenken kann.

Legende2

Ein bisschen Platz braucht man schon…

Sobald ihr die erste Legende beginnt, erlernt ihr weitere Regeln. Videospieler mag es an eine Art Tutorial erinnern. Wenn ihr einen bestimmten Ort aufsucht oder eine gewisse Zeit vergangen ist, erklärt euch das Spiel anhand von Plättchen und Karten alles weitere. Somit erschließt sich euch im Laufe von fünf immer schwerer werdenden Abenteuern eine Vielfalt an Möglichkeiten. Dabei ist niemals das Vernichten von möglichst vielen Feinden die Antwort auf eure Mission, denn Kämpfe kosten Zeit, von der ihr tatsächlich nur ein begrenztes Pensum zur Verfügung habt. Gleichzeitig dürft ihr aber die herannahenden Horden auch nicht ignorieren, da sie Zug um Zug auf eure Burg zumarschieren. Und wenn sie diese erstmal erklommen haben, habt ihr als Retter des Königreichs versagt. Es gilt also die Aufgaben möglichst effizient zu lösen. Während die ersten beiden Legenden noch den Anschein erwecken mögen, dass ihr alles unter Kontrolle habt, werdet ihr mit Sicherheit spätestens ab der dritten Mission ein paar Anläufe brauchen, bis ihr einen funktionierenden Plan ausgetüftelt habt.

Herr Menzel hat auch die Rückseite des Spielbretts genutzt

Herr Menzel hat auch die Rückseite des Spielbretts genutzt.

Neben den zu erlebenden Legenden/Abenteuern bedienten sich die Macher auch beliebter Konzepte anderer Rollenspiele: So können eure Helden im Laufe einer Mission stärker werden, neue Ausrüstung erhalten oder neue Mitstreiter (NPCs) finden. Allerdings werden zu Beginn der nächsten Partie eure Helden wieder zurückgestuft. Das ist aber auch nötig, um einerseits das Balancing nicht zu gefährden, und um andererseits Probleme beim erneuten Spieleinstieg mit beispielsweise neuen Mitspielern oder anderen Heldenkonstellationen zu vermeiden.

Die Legenden von Andor ist aber kein klassisches Rollenspiel im eigentlichen Sinne. Wenn ihr euch dennoch mit Bekannten, Freunden oder Kollegen mal vorsichtig an das Thema herantasten mögt, ist es zweifelsohne eine gute Wahl für den Einstieg.

Wie geht’s weiter?

darüber freut sich meine Tochter: jeder Held ist auch weiblich verfügbar.

Darüber freut sich meine Tochter: Jeder Held ist auch als Frau verfügbar.

Und nach der fünften Legende? Da kommt das große Bedenken der Wiederspielbarkeit bei vielen auf. Wenn ihr dann aber mal auf die Homepage von Andor schaut, dürfte euch schnell klar werden, dass ihr noch viele Spieleabende mit dem Grundspiel gestalten könnt. Es gibt einen Bonushelden, vier Bonuslegenden und zwei Minierweiterungen für das Grundspiel, und das alles kostenlos als PDF zum Ausdrucken. Falls euch das immer noch nicht genügt, dann bekommt ihr in der Taverne von Andor noch dutzende neuer Helden, Legenden, Varianten und Mini-Erweiterungen.

Und hier habt ihr ein weiteren Grund, warum ausgerechnet ihr als Rollenspieler euch mit den Legenden von Andor beschäftigen solltet: Mit Hilfe des Developer-Guides und dem Blankomaterial könnt ihr nämlich eure eigenen Legenden, Helden und Sonderregeln ohne allzu viel Aufwand erschaffen. Mit den Legenden von Andor erhaltet ihr quasi einen Baukasten für Spielleiter. Ein Gefühl für Plot, Timing, und Balancing könnt ihr euch hier mit Hilfe eines Brettspiels praktisch selbst erarbeiten. Und wenn ihr dann noch stimmungsvolle Texte für eure Legenden verfasst, diese vortragt, und die NPCs ausspielt, dann habt ihr hier vermutlich eines der besten Spielleitertrainingtools, welches es für Geld zu kaufen gibt. Eurer Kreativität sind dann keine Grenzen mehr gesetzt.

Das Erstellen von Abenteuern ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Kinderspiel. Inzwischen bastelt sogar mein zehnjähriger Sohn schon seine eigenen Abenteuer. Zugegeben, er mag am liebsten die Kämpfe und hat zu diesem Zweck das Fortschreiten der Zeit für besiegte Gegner aufgehoben. Aber es sind seine ersten selbstgemachten Abenteuer. Das finde ich toll!

Probiert es aus und erschafft ein bis zwei Legenden, bevor ihr euch daran macht, eine ganze Kampagne zu schreiben. Ich leite Spielrunden gerne nach Gefühl und bereite oft (zu) wenig vor. Die Legenden von Andor haben mir aber dabei geholfen, zu erkennen, woran ich stärker arbeiten sollte.

Lohnt es sich denn nun, die anderen Erweiterungen zum Basisspiel zu kaufen, wenn es doch schon soviel Material für Lau gibt? Dazu beim nächsten Mal mehr…

Christian Turkiewicz

Liest bevorzugt Regeln zu Brett- und Rollenspielen. Liebt Bingewatching, hat aber keinen TV-Anschluss.
Hauptthemen: Gesellschaftsspiele, Pen&Paper, Serien

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