Oösram von den Wanderern


Die Saga der Zwerge ist nebst Elfen nun schon die zweite Comic-Reihe, die das Team um Nicolas Jarry in der Welt von Arran ansiedelt. Dieses Mal werden jedoch die vorrangig auf dem Festland beheimateten Zwerge in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt.

Im jüngst beim Splitter Verlag erschienen vierten Band Oösram von den Wanderern begleiten wir das entbehrungsreiche Treiben des entehrten Zwerges Oöstrom, den das Schicksal letztendlich dazu zwingt, sich aller Aufopferungen zum Trotz gegen die Schikanen der Obrigkeit aufzulehnen.

Der Legende nach wurde das Zwergenvolk mit jenem Urlehm geschaffen, der nach Formung der Elfen übrig blieb. Von der kleinen Gestalt aufgrund des Mangels an Tonerde enttäuscht, beschloss der Gott Yjdad dieses Handicap auszugleichen, indem er ihm Mut, Widerstandskraft und Schmiedekünste verlieh.

Aber der Elfengott Arran fürchtete um die Vormachtstellung seiner eigenen Kinder und pflanzte in den noch feuchten Ton drei Flüche ein: Gier, Ehrgeiz, und Besessenheit. So konnte er sicher sein, dass keine Zwergenallianz langfristig Bestand haben werde.

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Oösram wird für seinen Frevel, dem Zwergenkönig rechtmäßig zustehende Kriegsbeute vorzuenthalten, gebranntmarkt. (© Splitter)

In der Verbannung

Einst war Oösram ein junger General im Dienste des Zwergenkönigs. Nach einem erfolgreichen Feldzug unterschlug er in zwergischer Manier einen wertvollen Elfenschatz, wurde jedoch von seinem engsten Vertrauen verraten und vom König entehrt. Jeglicher Rechte beraubt, fristet der ausgestoßene Kriegsveteran samt Familie fortan sein Dasein als so genannter Wanderer, indem er in der Einöde abseits der schützenden Burgstaaten Felder bestellt und Schweine züchtet.

Wenngleich sich Oösram im Verlauf der vergangenen zwölf Jahre mit seinem bäuerlichen Leben arrangiert hat, zwingen ihn nun die horrenden Steuersätze beim saisonalen Viehhandel in der Stadt trotz guter Zuchterfolge dazu, seinen goldenen Ahnenring an einen schmierigen Hehler zu verkaufen – wohlwissend, dass der nachweisliche Goldbesitz Wanderern nicht gestattet ist. Nach seiner Rückkehr zum familiären Hof fehlen ihm dennoch die nötigen Mittel, um zwei seiner inzwischen am Roten Fieber erkrankten Kinder fachgerecht verarzten zu lassen.

In seiner Verzweiflung bedrängt er hilfesuchend Angehörige eines in der Nähe lagernden Schmiedezuges, stößt aber nur auf Verachtung und wird nach wiederholter Abweisung  schließlich niedergeschossen.

Während seiner Genesung erliegt seine jüngste Tochter dem Fieber. Als er dann auch noch seinen Hof aufsuchende Krieger des Schildes niederstreckt, die ihn für den unerlaubten Goldverkauf richten wollen, zieht er aus, um dem seiner Kaste zuteil werdenden Unrecht ein für alle Mal Einhalt zu gebieten…

Gern würde ich noch viel mehr zur vollgepackten Story erzählen, möchte aber nicht allzu viele Details verraten. Auch wenn sich der Eindruck erwägt, dass einige Schicksalsschläge story-technsich sehr hart ausformuliert sind, erscheinen sie mir, gemessen an den dargestellten Lebensumständen der Wanderer, stets plausibel und für den weiteren Handlungsverlauf sinnvoll.

Nichtsdestotrotz habe ich sehr wohl gemerkt, von welchen realhistorischen Ereignissen sich die Macher dieses Comics inspirieren lassen haben. Dies tut der Geschichte jedoch keinen Abbruch. Sie ist gleichermaßen stringent, unterhaltsam und spannend.  

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Nach einem arbeitsreichen Tag auf dem Bauernhof versammelt sich Oösrams Sippe einschließlich des Verlobten seiner ältesten Tochter zum Abendbrot. Noch ist die familiäre Idylle perfekt. (© Splitter)

Schicksalshafter Sinneswandel

Selbst Oösram beschreibt sein früheres Ich als egoistisch und selbstsüchtig, darauf getrimmt, die Feinde des Königs gewissenlos niederzumetzeln. Trotz seines inzwischen recht entbehrungsreichen Lebens in der Verbannung lässt ihn die unvergleichliche Möglichkeit, erst durch diesen Umstand seine Kinder aufwachsen zu sehen, zu einem fürsorglichen Familienvater reifen.

So schmerzt es den Veteranen umso mehr, dass der Viehverkauf, bedingt durch die Steuerwillkür der Obrigkeit, nicht den erwarteten Erlös einbringt. Um seine kranken Sprösslinge ordnungsgemäß zu versorgen, fehlen ihm zudem Rang und Namen. Und als nach dem bitteren Tod seiner Tochter dann auch noch die Häscher des Königs auftauchen, muss er zwangsläufig wieder zur Waffe greifen, um seine verbleibenden Familienangehörigen vor Schlimmerem zu bewahren. Seine ausweglose Lage und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lassen letztendlich seine Kämpfernatur wieder aufflammen, um gegen das harte Schicksal aller Wanderer aufzubegehren.

Wenngleich die sich zunehmend verschlechternde Situation des Protagonisten zumeist selbstverschuldet zu sein scheint, so ist seine Entscheidungsfindung zu jedem Zeitpunkt klar nachvollziehbar und hätte konsequenterweise zu keinem anderen Ergebnis führen können. In diesem Sinne freue und leide ich mit dem vom Schicksal gebeutelten Zwerg stets mit.

Prachtvoll ausgestaltet

Die Handlung wird üblicherweise in rechteckig konturierten Bilderreihen geschildert, die entweder auf weißem oder schwarzem Grund platziert sind oder aber weniger relevante Randbereiche großformatiger Darstellungen überdecken. Dabei strotzen die einzelnen Bildfelder nur so vor Details. Ob einzelne Figuren oder rasante Kämpfe, Innenräume oder Landschaften – alles wurde niveauvoll ausformuliert und vortrefflich koloriert.

Neben einigen ganzflächigen Schattierungen zur bildinternen Hierarchisierung von Momentaufnahmen glänzen die Szenen in einer sehr stimmigen und zuweilen recht malerischen Ausleuchtung. Besonders deutlich wird dies, sobald explizite Lichtquellen wie Sonnenaufgänge oder nächtliche Lagerfeuer kontrastreich eingesetzt werden.

Während die bildeinleitenden Textfelder altertümlichen Schriftrollen nachempfunden sind, bleiben die zuweilen über den Bildrand hinausragenden Sprechblasen sauber konturiert.

 Bei der Ausgestaltung des Comics wird auf klar definierte Formen und opulente Inszenierungen großen Wert gelegt. Sogar die hintergründigen Übergänge von Panorama zu monochromen Grund sind bis auf zwei unsägliche Ausnahmen fließend. Auch wenn es den Gesamteindruck nur unwesentlich schmälern würde, finde ich derartige Design-Entscheidungen sehr löblich.

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Die Gesandten des Königs haben Oösrams Hof gefunden und wollen sich an seiner Familie vergreifen. Nun gibt es kein Zurück mehr. (© Splitter)

Mit einem gewissen Witz

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht und mit den Worten Oösrams. Die Ausdrucksweise der Zwerge ist sehr direkt und reich an leichtgängigen Metaphern. Auch ohne sich in ihrer Lebenswelt wirklich auszukennen, ist ihre Wortwahl zumeist selbstklärend: So handelt es sich bei einem Karner (abgeleitet von Karnivore) um ein Zwergenfleisch fressendes Raubtier, bei einem Grunzer um ein Schwein und bei einem Flaumhaar in Anspielung auf die Bartlänge eben um ein Kind. Auch schläft das zu vermählende Brautpaar bis zur Hochzeit traditionell in getrennten Zimmern, selbst wenn dem Verlobten die Rute glüht. Sollten aber doch mal ungeahnte Verständigungsprobleme auftreten, findet sich auf der letzten Seite ein Glossar mit den wichtigsten “Übersetzungen”.

Die Schriftsprache ist zwar gewiss nicht nobelpreisverdächtig, doch aber passend und zuweilen witzig gewählt.

Die Welt der Zwerge

Die Saga der Zwerge ist, wie eingangs bereits erwähnt, nach den Elfen die neue Konzeptserie des französischen Comic-Verlags Soleil Productions, welche Splitter für den deutschen Markt adaptiert. Dieses Mal setzt der Szenarist Nicolas Jarry mit seinem Team aus wechselnden Autoren in jedem Band eine der fünf Zwergenkasten von Arran mit einer jeweils in sich geschlossenen Geschichte in Szene.

Ähnlich den Elfen wird dabei jedes Abenteuer von einem schicksalhaften Handlungsträger bestritten, welcher eben einer der fünf Kasten (Schmiede, Tempel, Talion, Wanderer und Schild) angehört. Durch die Beleuchtung unterschiedlicher Aspekte der verschiedenen Völkerschaften entsteht so abermals ein einziges großes Panorama, das die schon gut bekannte Welt der Elfen wunderbar ergänzt. 

Der erste Zyklus der Zwerge wird fünf Bände umfassen, die in regelmäßigen Abständen erscheinen.

Fazit

Alles in Allem ist der Comic Die Saga der Zwerge Bd. 4 – Oösram von den Wanderern ein hervorragendes Beispiel dafür, dass man auch ohne Vorkenntnisse tief in die Welt der Zwerge einzutauchen vermag. Der Elfenreihe gleich punktet dieser Comic ebenfalls mit einer bildgewaltigen und meist wunderbar aufeinander abgestimmten Aufmachung. Zudem sind Story und Charaktere mehr als glaubhaft. Auch wenn das Schicksal in der Vergangenheit hart zu euch war, gerade für Fans der stummelbeinigen Axt- und Hammerschwinger handelt es sich um einen bedenkenlosen Pflichtkauf.

Eine ausgiebige Leseprobe findet ihr übrigens im Online-Shop des Splitter Verlags. Schaut auf jeden Fall mal rein!

Was bedeutet diese Wertung? Klickt hier und findet es heraus.

 

Oösram von den Wanderern

Autor: Nicolas Jarry

Zeichner: Jean-Paul Bordier

Verlag: Splitter

Gebundene Ausgabe: 56 Seiten

 

Die Saga der Zwerge. Band 4: Oösram von den Wanderern

Price: EUR 14,80

5.0 von 5 Sternen (2 customer reviews)

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Marco Schugk

Marco Schugk

Tauscht gern Schwert und Rüstung gegen Federkiel und Tinte, um den Geschichten und Erzählungen seiner Kameraden gelehrsam Ausdruck zu verleihen.
Hauptthemen: Lektor, Games, Brettspiele.

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