War diese Sexszene nötig?


Batman: The Killing Joke, einer der ersehntesten Animationsfilme aus dem Hause DC, führte durch eine angedeutete Sexszene zu einer hitzigen Diskussion unter den Fans.

Stellen wir kurz vorweg: Wer den Comic mag, wird gewiss auch Gefallen am Film finden. Zumindest nach dem 30-minütigen Prolog, der so nicht Teil der Vorlage ist. Denn die Hauptstory des Comics wurde eins zu eins in ein animiertes Medium übertragen. Die englische Synchronisation lässt auch keine Wünsche offen: Mark Hamil ist wie gewohnt ein idealer Sprecher für Joker und Kevin Conroy die beste Wahl für Batman. Des Weiteren leistet Tara Strong gute Arbeit und verleiht Batgirl eine recht interessante Stimme. Wer die Möglichkeit hat, sollte sich den Film auf jeden Fall  auf Englisch anschauen.

Die Bilder des Comics wurden gekonnt animiert. Sie schaffen es insbesondere zum Ende hin die Stimmung und den Wahnsinn des Ganzen gut einzufangen. Joker-Fans werden hier auf jeden Fall auf ihre Kosten kommen. Im Anschluss noch einmal der Trailer zu dem Ganzen; und wer sich das Gemecker über besagten Prolog nicht geben möchte, kann nun aufhören zu lesen:

Subtext und andere fragliche Begründungen

Wie bereits erwähnt ist der einzige Makel der Prolog – nicht unbedingt, weil er so nicht im Comic vorkommt, sondern vielmehr weil er dem Anschein nach seine Funktion völlig verfehlt. Denn eigentlich soll er dem Zuschauer Batgirl alias Barbara Gordon näher bringen. Prinzipiell eine wirklich gute Idee, da Barbara im Comic nur recht kurz vorkommt und Zuschauern ohne explizite Vorkenntnisse eventuell gar nicht bewusst ist, wer sie ist und welche Bedeutung sie eben für Batman hat.

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Cover des Films und des Comics sind identisch.

Wer englische oder deutsche Comicnews verfolgt, wird wahrscheinlich schon mitbekommen haben, dass es im Prolog eine angedeutete Sexszene zwischen Batman und Batgirl gibt. Laut Brian Azzarello (Drehbuch) solle der Anfang des Films eigentlich zeigen, dass Babs stärker als die in ihr Leben tretenden Männer sei und diese gekonnt kontrolliere. Angeblich soll nach dieser Aussage jemand auf der Comic-Con den Produzenten vorgeworfen haben, dass Barbara Batman nur mit Sex zu kontrollieren vermag und dies nichts mit einem starken Charakter zu tun habe. Weiterhin bemühte sich der Produzent Bruce Timm die Diskussion mit der Behauptung zu schlichten, dass eine Beziehung zwischen Batman und Batgirl schon immer im Subtext vorhanden gewesen sei. Damit machte er es zum Teil nur noch schlimmer. Inwieweit diese Wortgefechte stimmen, kann ich nicht beurteilen, da ich bei der Comic-Con nicht zugegen war. Fakt ist jedoch, dass durch den Prolog Batgirl leider eine Abwertung erfährt, anstatt Nicht-Comic-Lesern mal eine taffe Superheldin ohne sexuellen Kontext zu zeigen. Auf diese Weise wird auch noch ein weiteres Klischee der Comicwelt bestätigt.

Auf die zwei vorangeführten Aussagen möchte ich aber gerne noch kurz eingehen: Erstens ist das Phänomen des Subtextes hochgradig interpretativ, da es sich um etwas handelt, das im Prinzip nicht zu sehen ist. Fans sagen immer wieder gern, dass im Subtext eine Beziehung zwischen bestimmten Charakteren existiert. Dies führt mittlerweile so weit, dass prinzipiell fast jeder Figur in fiktiven Universen mit anderen Figuren ein intimeres Verhältnis angetragen werden kann, obwohl nichts dergleichen verbildlicht wird. Heutzutage genügt schon ein  langer Blickkontakt, um Romanzen zu unterstellen.

Fakt ist auch, dass Barbara deutlich jünger ist als Batman. Sie ist nämlich in etwa so alt wie Dick Grayson (alias Robin, alias Nightwing). Mit anderen Worten: Sie könnte die Tochter von Bruce sein. Deutlich wird dies auch in einer Szene des The Killing Jokes Comics, als Babs sich mit ihrem Vater über das erste Treffen zwischen Joker und Batman unterhält und sie selbst sagt: “Nun, ich zumindest war noch ein Kind […]”

Meines Erachtens hat Batman für seine jüngeren Schützlinge auch immer nur die Vater- bzw. Mentorenrollen eingenommen. Dazu muss jedoch gesagt werden, dass die vermeintliche Beziehung zu Babs nicht zum ersten Mal aufflammt. In der 1997 erschienen dritten Staffel von Batman: The Animated Series gab es ebenfalls des Öfteren die Andeutung eines intimeren Verhältnisses zwischen den beiden, welche 1999 in Batman of the Future wieder aufgegriffen wurde. In der zuerst genannten Serie wurden jedoch so einige Hintergrundgeschichten und Beziehungen jeglicher Art abgewandelt.

Die große Frage bezüglich The Killing Joke ist einfach: Warum? Warum muss eine im Fokus stehende, weibliche Figur gleich Sex haben? Bringt dieser Sachverhalt die Handlung voran? Nein! Soll es später Batman mehr motivieren? Reicht die Verletzung einer normalen Vertrauten nicht?

Das Argument, dass der Prolog zeigen soll, wie sie es mit den Männern aufnehmen und diese kontrollieren kann, geht meines Erachtens auch völlig nach hinten los. Das Wort “kontrollieren” erinnert mich ein wenig an die Erziehungsstandarts des 18. Jahrhunderts, als es noch hieß, dass Frauen indirekt durch den Mann Macht ausüben könnten. Auch wenn lediglich die Worte unglücklich gewählt wurden, macht es diese ersten 30 Minuten keineswegs besser.

Eigentlich sieht man Babs nur scheitern: Sie wird immer wieder von Batman belehrt und der Verbrecher, den sie verprügelt, geilt sich daran auch noch auf.  Die körperliche Auseinandersetzung mit Batman gewinnt sie zwar, knutscht ihn darauf hin aber gleich ab und entkleidet ihren Oberkörper. Im Übrigen legt sie dabei auch die Maske ab. Nicht gerade sinnvoll, wenn man bedenkt, dass es einige Schurken gibt, die auch die Dächer als Fortbewegungsstrecke betrachten.

Der Prolog hat offensichtlich so einiges gezeigt, aber sicher nicht, dass Batgirl den Männern ebenbürtig geschweige denn überlegen ist. Selbst wenn ich die Aussagen der Produzenten jetzt einfach mal ignoriere, gibt es für mich ein entscheidendes Problem: Die Handlung des Prologs ist belanglos! Sie wird nicht im Hauptfilm aufgegriffen, noch wird die hier intimere Beziehung zwischen Bruce und Babs fortgeführt oder thematisiert. Es handelt sich um eine reine Filmverlängerung. Das stößt mir wirklich übel auf. Wäre im Nachhinein anders mit der vorangegangenen Handlung umgegangen, wäre der ganze Sachverhalt gar nicht mal so schlimm.

Marco: Zwei nur lose miteinander verknüpfte Episoden

Ohne explizite Kenntnisse der Comicvorlage empfand ich es dennoch sehr erfrischend, dass entgegen meiner Erwartungen die Geschichte zunächst aus der Sicht Batgirls erzählt wird. Diese begegnet mir als junges, kluges Fräulein mit einer gehörigen Portion Idealismus und Edelmut. Eine vielversprechende Mischung!

Auch die Verbrecherjagden sind zunächst gewohnt tempolastig und actionreich. Doch dem gewitzten Fiesling Paris France gelingt die Flucht mehr als nur ein Mal. So muss sich auch Batgirl mehr als nur ein Mal von ihrem gefühlskargen Mentor Batman belehren und von oben herab herumkommandieren lassen. Die selbstbewusste Barbara möchte jedoch unbedingt ihren Wert unter Beweis stellen, doch ihr mangelt es noch an Erfahrung. Letztendlich wird klar, dass sie ihren männlichen Mit- und Gegenspielern nur bedingt das Wasser reichen kann. 

Nachdem Paris geschnappt wurde, lässt Barbara das Cape zu Hause, um zu ihrem Mentor erst einmal etwas (emotionalen) Abstand zu gewinnen. Da tritt plötzlich Joker auf den Plan, schießt Babs krankenhausreif und entführt ihren Vater Kommissar Gordon, um eben Batman zu ködern. Fortan dreht sich alles nur noch um das Psycho-Duell zwischen diesen beiden Erzfeinden. 

Ich persönlich hatte das Gefühl, dass mit dem Auftritt Jokers ein völlig neuer Film beginnt: Die Erzählperspektive wechselt, Tempo und Action werden reduziert, Flashbacks eingestreut. Bedauerlich ist daran, dass die eigentlich vielversprechende Figur Batgirls zur klischeehaften oder gar belanglosen Nebenrolle verkommt, die beim ersten Anflug von emotionaler Nähe die Beine spreizt. Zumal zur ihrer persönlichen Geschichte im späteren Verlauf der Handlung keinerlei Bezug mehr genommen wird. Daher muss auch ich mich fragen: Warum diese (Vor-)Geschichte dann überhaupt erzählen? Leider scheint mir, dass das dem Gesamtfilm zugrunde liegende Konzept nicht aufgeht.  

Fazit

Batman: The Killing Joke ist eine großartige Comicadaption, sobald man den Anfang überstanden hat. Daher kann ich den Film trotz sehr viel Gemecker meinerseits empfehlen. Wer irgendwie Probleme mit den Frauenrollen in den Medien hat, keine Lust auf Subtextinterpretation hat oder… Ach Scheiße! Guckt euch den blöden Prolog einfach nicht an und spult vor!

Wie bewerten wir? Lest hier nach.

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3.5 von 5 Sternen (67 customer reviews)

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Jasmin Dahler

Jasmin Dahler

Lebt in der Welt der Superhelden. Gut eigentlich in der Welt der Superschurken. Egal ob Comics, Games oder Filme, alles wird leidenschaftlich konsumiert.
Hauptthemen: Comics, Hörspiele, Games

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