Dralle Drachen


Wenngleich das in deutscher Übersetzung erst vor einigen Monaten erschienene Buch Dralle Drachen in seiner englischen Originalfassung zu Terry Pratchetts letzten Veröffentlichungen zu Lebzeiten gehört, verbergen sich hinter dem zum Schmunzeln einladenden Titel tatsächlich zahlreiche, inzwischen nochmals leicht überarbeitete Kurzgeschichten, die er als junger Schreiberling einst in der lokalen Presse veröffentlichen durfte.

Doch handelt es sich bei diesen weitestgehenden Frühwerken wirklich schon um literarische Appetithäppchen oder werden die Leser hier lediglich mit den noch unausgegorenen Resten von Vorgestern abgespeist?

 

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Ein lesender Drachen mit Quitsche-Entchen in der Badewanne… Warum eigentlich nicht?

Als ich vor Kurzem in der Buchhandlung meines Vertrauens wieder nach neuen Lese- abenteuern stöberte, fiel mir – zugegebenermaßen nicht zum ersten Mal – der sich in der Badewanne vergnügende Drache ins Auge. So nahm ich das gute Stück abermals in die Hand und fragte mich erneut, ob denn Kurzgeschichten überhaupt das Richtige für mich seien.

Letztendlich mochte ich es dann aber doch genauer wissen: Würde es meinem Lieblingsautor auch mit knappen und womöglich weniger tiefgründigen Erzählungen gelingen, mich zu begeistern? Ich wagte den Selbstversuch.

Ein Menu sondergleichen

Der Sammelband umfasst nebst persönlichem Vorwort vierzehn fantasievolle Kurz- geschichten, die der frühere Journalist zwischen 1965 und 1970 unter dem Pseudonym Uncle Jim im Kinderbereich der Bucks Free Press publizierte.

In diesem Sinne dreht sich beispielsweise die titelgebende Erzählung um den Aushilfsritter Ralph, den der besorgte König in Ermangelung an Alternativen ausschickt, um in seinen Ländereien der Bedrohung durch feuerspeiende Drachen Einhalt zu gebieten. So macht sich Ralph mit geliehener Rüstung auf dem Rücken eines Esels auf den Weg zur Bröckelnden Burg. Unterwegs nimmt er ganz unverhofft einen schwarzen Ritter gefangen und hilft einem etwas ungeschickten Zauberer aus seiner Misere. Zu dritt stellen sie sich schließlich den vermeintlich bösartigen Riesenechsen. Insgesamt ein amüsantes Unterfangen.

Wer aber ausschließlich derart klassische Fantasy-Settings erwartet, den muss ich leider enttäuschen. Obwohl den meisten Texten fantastische Elemente zu eigen sind, könnten ihre Protagonisten nicht unterschiedlicher sein: Von edelmütigen Rittern und mutigen Abenteurern bis hin zu zeitreisenden Busfahrern und erfinderischen Bürgermeistern ist nämlich alles vertreten.

Für Kenner von Prattchets Lebenswerk mag aber vielleicht besonders interessant sein, dass einige der bereits hier skizzierten Ideen in seinen späteren Erfolgsgeschichten in vollem Umfang glänzen. Ich denke da vor allem an die eigenständige Welt im Teppich und das Charakterkonzept des ungeschickten Zauberers.

In der Kürze liegt die Würze

Wenngleich den zumeist nur auf wenigen Seiten entfaltenden Stories kaum Spielraum für umfangreiche Beschreibungen eingeräumt wurde, bin ich doch überrascht, wie leicht es mir fällt, die verschiedenen Geschichten jedes Mal aufs Neue in meiner Vorstellungskraft zu verbildlichen.

Die Kunst des Autors begründet sich letztlich darin, sich bei der inhaltlichen Ausgestaltung auf wesentliche Details der Figuren und Handlungsorte zu konzentrieren. Für alles andere gelingt es ihm, meine Fantasie mit gezielten Hinweisen geschickt anzuregen.

Ansonsten ist auch die deutsche Ausgabe durchaus humorvoll, leicht verständlich und weitestgehend frei von Gewalt. Folglich eignet sie sich auch hervorragend für ein jüngeres Publikum.

Luftig arrangiert und reich garniert

Der Fließtext ist durch viele, zumeist kürzere Absätze mit recht großzügigen Zeilenabständen und den später hinzugefügten Fußnoten gut überschaubar strukturiert. Die einzelnen Geschichten sind dabei üblicherweise mit leeren Seiten voneinander getrennt.

Begleitet wird der Text von zahlreichen, teils skurrilen Zeichnungen des britischen Künstlers Mark Beech, die entweder das Geschriebene in Form kleiner Motive beiläufig verzieren, oder als Szenen-Illustrationen zuweilen ganze Seiten für sich beanspruchen. (Unglücklicherweise ist es nicht möglich, euch diese hier zu zeigen.)

Wenngleich die gesamte Aufmachung recht lesefreundlich und kindgerecht ausgestaltet ist, vermag ich mich leider nicht des Vorwurfs erwehren, dass dieser Sammelband in seinem Umfang künstlich gestreckt wurde. Ein schlankeres Format oder ein paar mehr von Pratchetts über 250 Kurzgeschichten hätten es wohl auch getan. Schade eigentlich.

Fazit

Insgesamt haben mir die innovativen Kurzgeschichten recht gut gefallen. Sie bieten eine solide Möglichkeit, sich auf Terry Pratchetts vielseitiges Schaffen einzustimmen. Aufgrund ihrer kinderfreundlichen Ausgestaltung in Text und Bild eignen sie sich auch wunderbar für junge Leser und Zuhörer.

Jedoch überrascht es mich kaum, dass der unverfängliche Stil des späteren Erfolgsautors erst in Ansätzen durchschimmert. Zweifelsohne ist er bereits mit einem gewissen Wiedererkennungswert behaftet, sein volles Potenzial kann aber konsequenterweise noch nicht ausgeschöpft werden. Zudem stellen die vielen und zum Teil gewöhnungsbedürftigen Illustrationen für mich keine wirkliche Bereicherung dar.

Insgesamt empfinde ich die Kurzgeschichtensammlung Dralle Drachen als sehr unterhaltsam

Was bedeutet diese Wertung? Lest hier!

 

Dralle Drachen

Autor: Terry Pratchett

Illustrator: Mark Beech

Übersetzer: Andreas Brandhorst

Verlag: Piper

Taschenbuch: 320 Seiten

 

Dralle Drachen: und andere Storys vom Schöpfer der Scheibenwelt

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Marco Schugk

Marco Schugk

Tauscht gern Schwert und Rüstung gegen Federkiel und Tinte, um den Geschichten und Erzählungen seiner Kameraden gelehrsam Ausdruck zu verleihen.
Hauptthemen: Lektor, Games, Brettspiele.

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