Star Trek – The Next Generation: HIVE


Jean-Luc Picard assimiliert, die Föderation vernichtet, die Galaxis erobert – dennoch bleibt die von den Borg aufopferungsvoll angestrebte Perfektion unerreicht. Das Kollektiv hat versagt. So ersinnt Locutus einen riskanten Plan, um das Schicksal aller Lebewesen zu ändern. Doch dafür braucht er die Hilfe eines alten Freundes…

Als großer Fan der Serie Star Trek – The Next Generation (TNG) sowie seiner filmischen Fortsetzungen im Allgemeinen und dem einzigartigen Borg-Kollektiv im Speziellen war ich nach den Geschehnissen von Star Trek VIII: Der erste Kontakt und dem Serienfinal von Star Trek – Raumschiff Voyager (Voy: Endspiel) wahnsinnig gespannt darauf, wie die Geschichte seinen weiteren Verlauf nehmen könnte.

Eine vielversprechende Perspektive bietet der jüngst bei Coss Cult erschienene TNG Comic HIVE. Dieses Mal aus der Hand des legendären Brannon Braga, der schon bei der TV-Serie TNG als Drehbucheditor mitwirkte und bei Voyager sogar auszuführender Produzent war.

Düstere Aussichten

In der fernen Zukunft des 29. Jahrhunderts rekapituliert Locutus (alias Jean-Luc Picard) seine momentane Situation: Das Kollektiv ist auf einer Milliarde Planeten angewachsen und beherrscht unangefochten die gesamte Galaxie. Sich aber schließlich der Möglichkeit beraubt, neue Welten zu assimilieren, bleibt die angestrebte Perfektion unnahbar.

Doch der Zeitpunkt ist gekommen, dies zu ändern: Vor über 500 Jahren assimilierten die Borg das sogenannte Daystrom-Institut, eine Sternenbasis der Föderation, welche das Backup der Positronenmatrix des Androiden Data enthielt. Letzteren hat Locutus inzwischen rekonstruiert, um seinen alten Freund wieder zu erwecken.

Locutus erklärt Data zunächst, wie die Borg einst den entscheidenden Sieg über die Föderation erringen konnten: Zu seiner Zeit als Jean-Luc Picard (des 24. Jahrhunderts) drang eine riesige Streitmacht der Borgkönigin in den Raum der Föderation ein, um jene als Bündnispartner gegen einen noch weitaus zerstörerischen Feind zu gewinnen: die Voldranii aus dem Reich des Chaos. Sich der scheinbar verzweifelten Situation der Borgkönigin bewusst, überzeugt Jean-Luc die restlichen Admiräle, auf ihr vermeintliches Angebot einzugehen.

So tritt die ungleiche Allianz gemeinsam den übermächtigen Raumkreuzern der Voldranii entgegen, wobei die Föderation schwere Verluste erleidet. Nichtsdestotrotz beamt Ltd. Com. Worf mit seinem Außenteam an Bord eines feindlichen Schiffes, um Bio-Scans jener noch unbekannten Rasse durchzuführen. Diese offenbaren wider Erwarten, dass die Voldranii mittels Borg-Technologie aus verschiedenen Spezies konstruiert wurden. Eine verheerende Falle! Dicht gefolgt von seinen Häschern flüchtet die Crew der Enterprise mit ihrem schwer beschädigten Schiff in den temporal instabilen Typhon-Sektor.

Wieder zurück in der Zukunft stattet Locutus Data mit einem neuroviralen Virus aus, der die damalige Borgkönigin samt Flotte vernichten und die bedrängte Föderation retten soll. Doch um Data zur  sich versteckenden U.S.S. Enterprise in die Vergangenheit zu schicken, müssen sie erst noch an der gegenwärtigen Borg-Königin und ihrer allzu bekannten Wächterin vorbei…

Ich bin zwar kein großer Verfechter von Zeitreisen, nichtsdestotrotz sind die beiden Erzählstränge des 24. und 29. Jahrhunderts gut durchdacht und sehr vorbildlich ineinander verflochten, sodass der Leser zu keinem Zeitpunkt den roten Faden verliert.

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Trotz der Vereinnahmung aller biologischen und technologischen Charakteristika dieser Galaxis können sich die Borg nicht aus ihrem ideologischen Dilemma befreien. (© Cross Cult)

Bekannte Gesichter

Auch wenn die zwei Handlungsebenen ein komplexes Gefüge ergeben, werden sie wünschenswerterweise von nur wenigen Protagonisten dirigiert.

Dreh- und Angelpunkt ist dabei Locutus beziehungsweise ehemals Jean-Luc Picard: Nach Jahrhunderten der Opposition gegenüber dem kollektiven Borg-Bewusstsein sieht sich Locutus letztlich mit der unausweichlichen Tatsache konfrontiert, dass die Möglichkeiten der Assimilation neuer Erkenntnisse schlichtweg erschöpft sind. Somit stagnieren die Borg in ihrer fortwährenden Weiterentwicklung. Die anwachsenden Zweifel an seiner eigenen Handlungsweise in Abwägung aller Alternativen zwingen ihn schließlich zu drastischen Maßnahmen – tatsächlich ein nur allzu menschliches Verhalten für einen achtsamen Sternenflottenoffizier vergangener Tage.

Sein jüngeres Pendant Jean-Luc Picard orientiert sich stark an den ursprünglichen Realverfilmungen. Dementsprechend ist sein Comic-Auftritt gleichermaßen von Rationalität, Prinzipientreue und Empathie geprägt. Darüber hinaus machen ihn seine bisherigen Erfahrungen als ehemalige Borg-Drohne (TNG: In den Händen der Borg; Angriffsziel Erde) abermals zu einem unschätzbaren Ratgeber in dem bevorstehenden Konflikt, wenngleich sich seine Entscheidung, die Borg gegen die ominösen Voldranii zu unterstützen, als falsch entpuppt.   

Aber auch Data ist gut getroffen. Dieser glänzt wie gewohnt mit emotionsloser Präzision, bemüht sich in seinen selteneren Auftritten aber stets darum, menschliches Verhalten nachzuahmen.

Ansonsten überrascht es kaum, dass Jean-Luc nach Rückkehr des lange verschollenen Raumschiffs Voyager in Seven (bzw. Annika) schnell eine Verbündete findet, deren Schicksal ähnlich ambivalent ist wie das seine.

Kürzer Gastauftritte anderer bekannter Gesichter runden das solide Figuren-Ensemble ab.

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Mithilfe der Protagonisten werden Wechsel der Zeit- und Erzählebenen geschickt vollzogen, ohne dabei die Leserschaft aus dem Konzept zu bringen. (© Cross Cult)

Alternierende Struktur

Die Erzählung beginnt zunächst mit einer ganzseitigen Momentaufnahme, zergliedert sich im weiteren Verlauf aber zunehmend in kleinere, stets schwarz konturierte Bildfelder, die ab und an auf neue Großformate treffen.

Die Borg-Szenen des 29. Jahrhunderts werden – wenig überraschend – vor allem von satten Grau- und Grüntönen mit flächigen Schattierungen dominiert. Passenderweise sind alle dieser Handlungsebene zuzuordnenden Bilder auf schwarzem Grund platziert und mit einer zusätzlich kontrastierenden Rahmung versehen. Dem stehen wiederum die vielfarbigen, föderationslastigen Szenen des 24. Jahrhunderts gegenüber, die konsequenterweise nicht nur mit weißem Grund hinterlegt sind, sondern auch entsprechend ihres Inhalts eine farblich passende Rahmung erfahren.

Die zumeist gelungene Darstellung der Handlungsorte, Schiffe und Personen orientiert sich sowohl optisch als auch namentlich an den originalen Vorlagen und besitzt daher gerade für Fans wünschenswerterweise einen hohen Wiedererkennungswert. Darüber hinaus sind Kampfhandlungen jeglicher Art durchaus spektakulär in Szene gesetzt.

Negativ aufgefallen sind mir jedoch die stark beschädigten und “brennenden” Borgschiffe, beispielsweise vor  der Ankunft der Voldranii: Diese leuchten im luftleeren Raum wie Fackeln im Sturm, wobei die Brandeffekte gedreht und in der Größe variierend schon allein in selbiger Szene mehrfach Wiederverwendung finden.

Künstlerische Freiheiten und andere Mängel

Gleich in der allerersten Szene schwebt Locutus mit einem Zepter in der Hand auf seinem Cyber-Thron durch den Borg-Komplex. Mir ist zwar klar, dass insbesondere den Lesern ohne explizite Vorkenntnisse mit Hilfe dieser Attribute seine hierarchisch übergeordnete Stellung aufgezeigt werden soll, jedoch sind visuelle Statussymbole in einer kulturlosen, auf kognitive Kommunikation ausgelegten Gesellschaft logischerweise völlig deplatziert.

Zudem sah die Borgkönigin in Jean-Luc Picard einst einen Gleichgestellten auf Augenhöhe – einen “König”, um die Terminologie des Comics aufzugreifen. Aber im 29. Jahrhundert scheint jener König inzwischen vielmehr zu einem Mädchen für all das degradiert worden zu sein, was der Aufmerksamkeit der Königin nicht würdig erscheint. In Anbetracht der vor ihm liegenden Ewigkeit würde ich wohl auch aufbegehren.

Den archäologisch interessierten Jean-Luc Picard des 24. Jahrhunderts trifft es auch nicht viel besser: Es ist zwar zweifelsohne legitim, dass er seinen wohlverdienten Landurlaub abbrechen muss, weil er das Herannahen der Borg spürt; aber letztlich dient das sonst so idyllische Anfangssetting meiner Meinung nach nur dazu, den sich eigentlich durch seine inneren Werte auszeichnenden Raumschiffkapitän nach dem Sex mit seiner Begleiterin (Vash) darzustellen – Typisch menschlich? Typisch männlich? Oder einfach nur unnötig? Zudem zeigen auch andere Darstellerinnen bei den wenigen, sich bietenden Gelegenheiten in Jean-Lucs Nähe gern etwas mehr Haut…

Das Konzept der Voldranii verstört mich sogleich in zweierlei Hinsicht: Wenn die Borg schon in der Lage sind, eine biologisch und vor allem technologisch derart überlegene Spezies zu konstruieren, warum nutzen sie dieses Potenzial nicht, um ihre eigene kybernetische Existenz aufzuwerten? Und in Anbetracht der planetenzerstörenden Feuerkraft ihrer riesigen Schiffe in Kombination mit der dazugehörigen Borgflotte wäre es für die Königin ein leichtes gewesen, den (durch den Krieg mit dem Dominion erheblich geschwächten) Alpha-Quadranten zu erobern.

Dazu gesellen sich noch einige inhaltliche Fehler: Beispielsweise erinnert sich Locutus an seine erstmalige Assimilation “in der Schlacht von Wolf 359” (etwa Comicmitte, Seitenzahlen gibt es in der deutschen Ausgabe nicht). Falsch! Tatsächlich wurde er schon vorher assimiliert, sodass der damals die Erde ansteuernde Borg-Kubus mit Hilfe des Wissens von Jean-Luc Picard die 39 sich ihm entgegenstellenden Föderationsschiffe in jener Schlacht zerstören oder teilweise assimilieren konnte.

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Ohne unnötige Romanzen und sexuelle Abenteuer kommt auch diese ansonsten emotional recht abgekühlte Erzählung offenbar nicht aus. (© Cross Cult)

Fazit

Star Trek – The Next Genreration: HIVE besticht insbesondere durch das ideologische Dilemma der Ausgangsposition: Einerseits ist das Borg-Kollektiv durch seinen Drang zur Verbesserung darauf ausgelegt, zu assimilieren und zu wachsen. Andererseits beraubt es sich durch die finale Unterwerfung der gesamten Galaxis fortan der Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. Aber auch die Vernetzung der beiden die Handlung zeitspezifisch aufspannenden Erzählstränge einschließlich ihrer sich temporal überschneidenden Protagonisten wird clever gestaltet. Optisch ist der Comic ebenfalls hochwertig.

Wenngleich ich die künstlerischen Eigenwilligkeiten zum Teil noch zu tolerieren versuche, schlagen mir die inhaltlichen, logischen und ideologischen Diskrepanzen letztendlich aufs Gemüt.

In diesem Sinne eignet sich der Comic meiner Meinung nach vor allem für diejenigen, die sich zwar mit dem Sujet der Borg zumindest rudimentär auskennen, über anderweitige Unstimmigkeiten aber getrost hinwegsehen können. Für mich ist der Comic aber zumindest etwas unterhaltsam.

Eine ausgiebige Leseprobe findet ihr übrigens im Online-Shop von Cross Cult. Schaut auf jeden Fall mal rein!

Was bedeutet diese Wertung? Klickt hier und findet es heraus.

 

Star Trek – The Next Genreration: HIVE

Autor: Brannon Braga

Zeichner: Joe Corroney

Verlag: Cross Cult

Broschiert: 104 Seiten

Star Trek Comicband 13: Hive

Price: EUR 15,00

3.5 von 5 Sternen (2 customer reviews)

66 used & new available from EUR 15,00

Marco Schugk

Marco Schugk

Tauscht gern Schwert und Rüstung gegen Federkiel und Tinte, um den Geschichten und Erzählungen seiner Kameraden gelehrsam Ausdruck zu verleihen.
Hauptthemen: Lektor, Games, Brettspiele.

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