Wenn fiktive Figuren sterben…


Es gibt immer diesen einen Moment, in dem man selbst derjenige ist, der etwas noch nicht kennt – sei es ein aktuelles Computerspiel, die neueste Serie auf Netflix oder den momentanen Bestseller. Doch in letzter Zeit kommt es mir so vor, als ob einige fiktive Figuren und sogar ganze Welten förmlich aussterben.

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Asta Nielsen war früher eine hoch verehrte Filmschauspielerin.

Mein Freundeskreis war in der Regel immer um die zwei bis vier Jahre älter als ich. Dadurch rückte mir das gleich beschriebene Phänomen erst im Laufe meines Studiums näher. Als Student lernte ich Personen unterschiedlichen Alters mit diversen Einstellungen und Hobbys kennen.

Dabei handelt es sich aber nicht nur um andere Studierende. Durch Praktika, Reisen, Nachbarn, Sportkurse etc. kommt man einfach mit vielen Leuten in Kontakt. Kratzten die ersten Gespräche stets nur an der Oberfläche, musste ich gerade bei diesen Dialogen oft feststellen, dass Personen, die mal gerade ein bis zwei Jahre jünger sind als ich, mit vielen – ja, ich möchte sagen – Ikonen nicht mehr vertraut sind.

Dass einst berühmte Personen irgendwann in Vergessenheit geraten, ist für mich wahrlich nichts Neues. Namen wie Anthony Perkins oder Asta Nielsen sind heute vielen nicht mehr bekannt. Eine Ausnahme scheinen einige Musiker zu sein, die trotz oder gerade wegen ihres Todes noch hoch verehrt werden.

Doch dass auch etwas Fiktives sterben kann, war mir lange Zeit nicht bewusst.

Die Erkenntnis, dass man alt geworden ist

Es fing schleichend an: Eine Kommilitonin fragte mich, was ich am Abend denn so machen würde. Ich plante, die letzte He-Man (1983) DVD zu schauen. Sie sah mich verständnislos an und fragte mich, was bzw. wer denn He-Man überhaupt sei. Als sie nach einer Erklärung meinerseits damit nichts anfangen konnte, schob ich es auf zwei Sachen: Nicht ihr Milieu und als Mädchen ohne männliche Geschwister schaut man so etwas in seiner Kindheit vielleicht nicht.

Danach häuften sich jedoch solche Ereignisse. Und diese ließen sich nicht so leicht erklären.

Insbesondere fiel es mir im Horrorgenre auf. Nie im Leben würde ich erwarten, dass jemand, der keine Horrorfilme schaut, mit den Namen Freddy (A Nightmare on Elm Street 1984), Jason (Freitag der 13 1980), Pinhead (Hellraiser 1987) oder Chucky (Child’s Play 1988) etwas anfangen kann. Und selbst als Horrorfilm-Fan muss man noch lange nicht alle kennen.

Doch ich traf vermehrt auf Personen, die sich als Horrorfilmspezialisten bezeichnen und von sich selbst behaupten, jeden Horrorfilm gesehen zu haben (was meiner Meinung nach nicht möglich ist). Euphorisch versuchte ich mit diesen Leuten über Psycho (1960), Hellraiser (1987), Poltergeist (1982) oder Carrie (1976) zu diskutieren.

Das Ergebnis war mehr als ernüchternd: Offensichtlich kann man sich als Horrorfilmspezialist, der alle Filme des Genres kennt, bezeichnen, sobald man Paranormal Activity (2007) und The Ring (2002) gesehen hat.

Diese Ereignisse häuften sich zusammen mit der bitteren Erkenntnis, dass diese Personen allesamt jünger waren als ich. Der Höhepunkt meiner Verzweiflung fand sich dann in einem Gespräch, in der ein junger Herr der festen Meinung war, dass der Pinguin extra für die Gotham-Serie erfunden wurde, sonst wäre er ja in der Batman-Triologie (2005 -2012) von Nolan gewesen.

Remakes und Merchandise – die Lebensretter

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Trotz eines Remakes im Jahr 2002 und entsprechendem Merchandise scheint Masters of the Universe in den jüngeren Generationen ausgestorben.

Selbst die Kleinsten kennen noch Batman, Spiderman und Superman. Diese werden immer wieder mit neuen Filmen und Serien aufgewärmt und in die nächste Generation getragen, auch wenn die Vorstellungen der Figuren vermutlich stark variieren. Der Superman, den mein Vater noch aus seinen Comics kennt, ist ein anderer als jener, den ich Jahre später in einer animierten Serie bestaunen durfte.

Auch Darth Vader der alten Star Wars Trilogie behauptet bereits einen langen Zeitraum seinen Thron. Selbst Personen, die die Filme nicht kennen, wissen immerhin noch, wer Darth Vader eigentlich ist. Werbung, Serien und Merchandise halten ihn noch ganz gut am Leben.

Sicherlich besitzen bereits genannte Fandoms auch Fanartikel. Diese finden sich jedoch eher selten in einem Laden, sondern müssen gezielt angefordert bzw. im Internet gesucht werden. Damit ist das Leben von fiktiven Figuren von ihrer Medienpräsenz abhängig. Eine gezielte Suche kann nur durch Wissen stattfinden. Doch trotz Remakes schaffen es nicht alle.

He-Man erfuhr 2002 ein Remake. Die Serie schaffte es knapp auf zwei Staffeln und brach mitten in der Geschichte ab. Es gab sogar entsprechende Action-Figuren und doch scheint es nicht gereicht zu haben, um das Fandom in die nächste Generation zu ziehen.

Auch einige der oben genannten Horrorfilme erfuhren Remakes, erreichten jedoch nicht mehr die Popularität der damaligen Zeit und heimsten teils negative Kritiken von Fans der alten Filme ein.

Eine Frage der Zeit

Ich kenne selbst nicht alle Thematiken, die mir eventuell bekannter sein sollten. In einem Gespräch über Star Trek oder Dr. Who wäre ich wohl gnadenlos verloren, da ich nicht mehr als drei Folgen gesehen habe. The Walking Dead hat es bei mir nie über die zweite Staffel hinaus geschafft.

Aber es geht auch gar nicht darum, alles zu kennen. Zu einem Hobby gehört es dazu, neue Sachen zu entdecken, von Gleichgesinnten Empfehlungen zu bekommen und etwas Neues auszuprobieren oder zu lernen.

Dennoch musste ich in der letzten Zeit vermehrt erkennen, dass bestimmte Erscheinungs- und Geburtsdaten sich trotz Internet anscheint fast zur Gänze ausschließen.

Und obwohl ich den Satz „Nicht deine Zeit“ verabscheue, schreit etwas in mir, wenn Personen, die sich zur entsprechenden Fangruppe dazu zählen, nicht wissen, dass es Bücher zu Herr der Ringe gibt, wer He-Man und Skeletor sind, dass der Pinhead nicht nur ein Make-up Tutorial ist und dass Cthulhu nicht etwas exotisches zu Essen ist.

Es ist dieses unangenehme Gefühl, dass man vielleicht irgendetwas davon mit in sein Grab nehmen wird, denn obwohl die Figuren und die dazugehörigen Universen fiktiv sind und eigentlich durch das World Wide Web unsterblich sein sollten, scheinen sie irgendwie auszusterben. Es ist ein Stück weit Verständnis für die eigene Elterngeneration, für die Lehrer und anderen Menschen, die einen hoffnungsvoll nach etwas fragen und nur einen verständnislosen Blick ernten, weil man davon noch nie gehört hat.

Und es ist irgendwo die Erkenntnis, dass man selbst bald die Worte „Nicht deine/meine Zeit“, „Zu meiner Zeit“ etc. in den Mund nimmt und damit selbst fiktiven Welten den Schleier der Unsterblichkeit herunterreißt, um sie halb zerbrochen zurücklässt, bis sich keiner mehr daran erinnert.

 

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Jasmin Dahler

Jasmin Dahler

Lebt in der Welt der Superhelden. Gut eigentlich in der Welt der Superschurken. Egal ob Comics, Games oder Filme, alles wird leidenschaftlich konsumiert.
Hauptthemen: Comics, Hörspiele, Games

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