Wikinger sind wieder in


Ich habe mir das Buch Die Söhne des Wanderers aus der Hammer of the North-Reihe von Harry Harrison (ja, genau der) und John Holm zu Gemüte geführt und jetzt muss ich irgendwo mit meiner Meinung hin.

Dass Wikinger wieder in sind, weiß ich ja schon lange. Spätestens seit dem Erfolg der Serie Vikings ist klar, dass das Seefahrervolk ein vielversprechendes Thema bietet.

So kam der Mantikore Verlag vielleicht auch auf die Idee, die Hammer und Kreuz Reihe von Harry Harrison neu zu verlegen. Das war mein Glück, denn ich hatte diese völlig und absolut übersehen. 2001 erschienen die deutschen Übersetzungen der Trilogie die 1993 bis ’96 auf Englisch erschienen war. Wem Harry Harrison oder besser Henry Maxwell Dempsey jetzt nichts sagt, der sei an Werke wie den Stahlratten-Zyklus oder die Eden-Trilogie verwiesen – ebenso natürlich an den Flash Gordon Comic.

Bis ich dieses Buch in der Hand hatte, war mir nie klar gewesen, dass er auch abseits der Science-Fiction Geschichten erzählt hat.

Alternative Historie

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Das Buch von vorne.

Lassen wir nun die alten Werke aber beiseite und kommen zum Wikinger-Buch: Darin geht es um viel. Bei 582 Seiten darf es das aber auch.

Vor allem geht es um Shef, einen Jungen aus adligen Kreisen im England des Jahres 865 nach Christus. Sein Stiefvater ist nicht wirklich nett zu ihm und sein Halbbruder tut es dem Vater nach. Adlig bedeutete damals, dass man bessere Waffen, ein festes Haus, weniger Not und Hunger litt. Also eigentlich, wie Monthy Python es so schön ausdrückte: nicht völlig mit Scheiße überzogen. Shef hat einen Freund: Hund. Nein, nicht einen Hund, der Junge heißt so. Dieser ist ziemlich gut darin, Wunden zu verarzten. Praktisch für Shef, wenn er von seinem Stiefvater mal wieder blutig geprügelt wird.

Aber die Geschichte beginnt mit dem Schiffbruch von Ragnar Lodbrok an der englischen Küste, wo er bereits von einer kleinen Armee erwartet wird. Kurz darauf stirbt der Wikinger in einer Schlangengrube, was seine Söhne auf den Plan ruft, um Rache zu nehmen. Ein kleinerer Jarl zieht dann plündernd und brandschatzend von einem englischen Dorf zum nächsten und trifft dort letzten Endes seinen Sohn, der bei einer vorherigen Viking tour “entstand”: Shef.

Shef schließt sich den Wikingern an und wird zum Schmied ausgebildet. Dank seiner genialen Begabung im Schmieden, Kämpfen und Ingenieurswesen erlangt der englische Junge großen Ruhm und macht sich natürlich auch Feinde: Iren, Ragnars Söhne, die Angelsachsen und die Franken. Und ohne Love Interest geht es natürlich nicht. Wer bietet sich da besser an als seine Stiefschwester.

Keine Sorge, ohne Blutsverwandtschaft. Aber diese heiratet ihren Halbbruder. Welcher Shef nicht ausstehen kann. Also bestes History-Roman Material. Oder besser Alternative-History Material.

Ach ja, Beef mit der Kirche und ihrer Einflussnahme auf mächtige Personen gibt es auch.

Mir ist Historie lieber

Es ist, wie erwähnt, ein Buch das viel erzählt und sich bemüht, eine fiktive Figur im historischen Kontext unterzubringen – glaubwürdig und spannend.

Das gelingt sogar im Großen und Ganzen, aber einige Punkte störten mich beim Lesen. So zieht sich die Geschichte hier und da etwas sehr hin. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau.

Was allerdings sehr an mir nagte, war, dass ich mich andauernd an andere historische Romane erinnert fühlte – die Waringham-Reihe von Rebecca Gablé oder Die Säulen der Erde von Ken Follett zum Beispiel. Und ich kam nicht umhin, diese miteinander zu vergleichen. Sehr zum Leidwesen dieses Buchs. Die Welt war bei den anderen Werken nicht nur detaillierter oder präziser anhand der Historie gezeichnet, aber sie fühlten sich glaubhafter an. Zugegeben, die beiden erwähnten Bücher spielten in Zeiten, die besser überliefert waren, aber das Gefühl bleibt.

Und vor allem waren die Figuren nicht große Persönlichkeiten, aber doch wichtig genug, um in der Nähe großer Figuren zu agieren. Shef übernimmt irgendwann den Laden, ist genial und wird eine wichtige Persönlichkeit.

Sicher kann man sich die Freiheit nehmen, wenn man über so zweifelhaft überlieferte Figuren wie Ragnar Lodbrok schreibt. Aber es fühlte sich für mich merkwürdig an, dass der erfundene Protagonist auf diese Weise in die Geschichte eingewoben wird. Sicher bin ich da ein wenig empfindlich. Man bedenke, dass Harry Harrison in der Eden-Trilogie mal eben den Meteoriten, der die Dinosaurier auslöschte, nie geschehen ließ. Dass er also an jüngerer Geschichte radikale Änderungen vornimmt, ist da nicht so verwunderlich. Nichtsdestotrotz fand ich es häufig übertrieben und stellenweise wenig glaubhaft.

Abseits von meinen angekratzten Gefühlen gegenüber der Historie bezieht sich das auch auf den Erfolg von Shef selbst. Er wirkt manchmal einfach zu genial, um dann wieder wahnsinnig unwissend zu erscheinen. Um ehrlich zu sein, kann ich meinen Finger immer noch nicht ganz auf mein Problem mit der Figur legen. Es ist ein wenig wie mit Aera von Markus Heitz. Ich hab es gern gelesen, aber irgendetwas stört mich fundamental.

Fazit

Trotz meiner Zweifel und Vorbehalte gebe ich diesem Buch eine klare Empfehlung. Wer Vikings mag, ist hier richtig. Wer Historien-Romane mag ebenfalls. Man kann mit diesem Buch eigentlich nichts falsch machen. Es war schön, Shef zu begleiten. Ich hole jetzt aber doch lieber nochmal die Waringham-Reihe von Gablé aus dem Regal.

Hammer of the North – Die Söhne des Wanderers

Price: EUR 14,95

3.7 von 5 Sternen (25 customer reviews)

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Jakob Rabenhorst

Jakob Rabenhorst

Er zockt, wie es ihm gefällt, und liest sich durch die Welt. Wenn er nicht gerade am PC daddelt oder einen Roman liest, denkt er daran und freut sich darauf.
Hauptthemen: Games, Bücher.

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