Die Stunde des Henkers


Im neuen Comic des Splitter Verlags Der Henker Bd. 1: Göttliche Gerechtigkeit? der Macher um Mathieu Gabella und Julien Carette werden die pariser Verbrecher durch einen von Gott gesandten Attentäter bestraft.

Übermächtiger Protagonist?

Der Henker von Paris: Er ist unverwundbar. Seine Ziele sind zur gewünschten Zeit am Ort seiner Wahl. Eine Gabe, die sich der Henker teuer erkaufen musste. Niemand darf seine Identität kennen. Er hat keine Freunde oder Familie, nur ein paar streunende Hunde, die ihm in seinem maroden Unterschlupf Gesellschaft leisten.

Sein neuester Auftrag betrifft den Tod einer Frau. Mithilfe eines Rings der Ermordeten erhält er eine Vision von ihrer Ermordung. Durch ein besonderes Ritual, in dem er den Namen des Täters, die gewünschte Uhrzeit und den Treffpunkt ausspricht, nutzt er seine Gabe, die ihn als Henker berüchtigt macht.

Seine Gabe führt er auf Gott zurück und so hinterfragt er auch seinen nächsten Auftrag nicht: die Eliminierung eines Kindes. Doch dieses Mal läuft es nicht so, wie es sich der Henker vorgestellt hat. Ein maskierter Mann, der “Narr”, rettet das Kind vor seinem bitteren Schicksal und wirft damit einige Fragen auf.

Ein Spiel aus Licht und Schatten

Mir fiel der Comic durch sein Cover auf, welches nicht nur mit einem maskierten Assassinen lockt, sondern auch mit detaillierten Gebäuden und einem liebevoll ausgearbeiteten Lichtspiel. Bereits auf den ersten Seiten durfte ich mit Freuden feststellen, dass dieser detaillierte Zeichenstil beibehalten wird. Gebäude, Objekte, Tiere und Menschen sind alle sehr gewissenhaft ausgearbeitet.

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Die Gestalt des Henkers gewinnt insbesondere durch Schatten an Wirkung. (© Splitter)

Die Wahl der Farben ist der Atmosphäre angepasst. Am Tage auf dem Markt wird mit vielen warmen Erdtönen gearbeitet, die im Kontrast zum hellen Himmel stehen. Ganz anders ist aber beispielsweise das Farbenspiel während des ersten Auftrags: Gebäude ragen wie schwarze Schatten dem violetten Himmel entgegen, der mit dunkeln Wolken gesäumt ist.

Der Henker von Paris kommt in diesem dunklen Setting besonders gut zur Geltung, da sein Gesicht durch die tiefen Schatten seiner Maske einer dämonischen Fratze gleicht. Doch auch am Tag sieht er sehr beeindruckend aus. Nichtsdestotrotz musste ich mich erst einmal an die große und muskulöse Statur gewöhnen, da ich Auftragsmörder persönlich immer mit einer vergleichsweise athletischen Gestalt verbinde.

An das Outfit des Narren musste ich mich ebenfalls erst gewöhnen. Zwar passt der Name zum Kostüm und die eher zierliche Statur zur offenkundig trickreichen Figur, doch sehe ich da im Gegensatz zum Henker die eine oder andere gefährliche Stolper- oder Hängenbleib-Gefahr.

Marionette oder Bote Gottes?

Der Erzählstil des Comics ist ebenfalls etwas gewöhnungsbedürftig. Immer wieder wird in die Vergangenheit des namenlosen Protagonisten gesprungen, um seine Ausbildung als Henker zu begleiten. Der Grund für seine Gabe ist zwar gleichermaßen merkwürdig, aber auf jeden Fall mal etwas anderes. Inwieweit nun Gott wirklich seine Finger im Spiel hat, bleibt vorerst offen.

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Der Narr fordert den Henker in seinem Spiel heraus. (© Splitter)

Wenn es nach den einfachen Bürgern geht, ist der Henker nur eine Marionette der Adligen. Über die wie auch immer geartete Legitimation seines Handelns werden zwar gewiss viele Andeutung gemacht, doch gänzlich geklärt oder gar aufgedeckt wird dieser Sachverhalt im ersten Band natürlich noch nicht.

Bei solchen Thematiken müsste eigentlich die moralisch verankerte Frage aufgeworfen werden, ob es denn überhaupt rechtens sei, jemanden zu töten, weil er oder sie selbst jemanden getötet hat? Und wo wird die Grenze zwischen Mord, Unfall und Selbstschutz gezogen. Die Dringlichkeit einer hinreichenden Klärung wird insbesondere dann deutlich, als der Henker ein Kind töten soll.

Dafür, dass der Comic aus der Sicht eines Auftragsmörders geschrieben ist, wird mit Blut sehr sparsam umgegangen. Um so stärker brennen sich die Szenen ein, in denen Blut fließt. Eine sehr angenehme Vorgehensweise, da der Fokus durchgehend auf der Story ruht und nicht versucht wird, durch Gemetzel zu schockieren oder gar zu imponieren.

Auf sprachlicher Ebene bedient sich der Comic einer einfacheren Wortwahl. Der Henker gehört weder zum Adel, noch ist er besonders gebildet. Der extrem gekünstelte Sprachstil des Narren sticht dafür umso deutlicher hervor und macht zugleich neugierig darauf, wer sich tatsächlich hinter dieser Maske verbirgt.

Fazit

Der Henker Bd. 1: Göttliche Gerechtigkeit? hat mir als Auftakt schon sehr gut gefallen. Es werden viele Fragen aufgeworfen und ein zuerst perfekt wirkender Charakter zeigt relativ schnell Schwächen der anderen Art. Ich bin zumindest gespannt, wie es weiter geht. Insgesamt kann ich den Comic aufgrund seiner spannenden und zugleich von interessanten Protagonisten getragenen Story in Anbetracht des gelungenen Zeichenstils mit seiner präzisen Farbwahl tatsächlich kompromisslos empfehlen.

 

Der Henker 1. Göttliche Gerechtigkeit?
Verlag: Splitter
Autor: Mathieu Gabella
Zeichner: Julien Carette
Seiten: 56

 

Henker, Der: Band 1. Göttliche Gerechtigkeit

Price: EUR 14,80

5.0 von 5 Sternen (1 customer reviews)

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Jasmin Dahler

Jasmin Dahler

Lebt in der Welt der Superhelden. Gut eigentlich in der Welt der Superschurken. Egal ob Comics, Games oder Filme, alles wird leidenschaftlich konsumiert.
Hauptthemen: Comics, Hörspiele, Games

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