Träume im Hexenhaus: Kurzgeschichte vs. Hörspiel


H. P. Lovecraft gehört zu den Autoren, die wenig mit wörtlicher Rede arbeiten. Damit bieten sich seine Werke eigentlich nicht für Hörspiele an. Dennoch werden diese immer wieder gerne mit Sprechern umgesetzt. Daher möchte ich die Rezension heute etwas anders angehen und die Frage stellen: Wird das Hörspiel dem Text gerecht?

Titania Medien haben in ihrem Gruselkabinett bereits mehrere Geschichten von Lovecraft aufgenommen: Die Berge des Wahnsinns, Der Fall Charles Dexter Ward, Die Farbe aus dem All, Das Ding auf der Schwelle oder Der Ruf des Cthulhu. Auch eine meiner liebsten Geschichten von H. P. Lovecraft wurde verarbeitet: Träume im Hexenhaus.

Die Handlung der Geschichte ist schnell zusammengefasst: Der Mathe-Student Walter Gilman (Hannes Maurer) bezieht ein vermodertes Dachzimmer in einem ehemaligen Hexenhaus. Keziah Mason (Dagmar von Kurmin), die im 17. Jahrhundert der Hexenverfolgung zum Opfer fiel, sollte angeblich einst dort gelebt haben.

Sie hat Experimente zur Veränderungen des Raum-Zeit-Kontinuums durchgeführt und verschwand damals spurlos aus ihrer Zelle. Walter Gilman glaubt damit einer wichtigen wissenschaftlichen Errungenschaft auf der Spur zu sein und vertieft sich in okkulte Studien, wobei ihm unter anderem das berüchtigte Necronomicon als Lektüre dient. Infolgedessen wird der junge Mann von Fieber und Albträumen geplagt, in denen er sowohl auf die Hexe als auch den Schwarzen Mann trifft.

Vom Text zum Hörspiel

Lauscht ihr dem Hörspiel Träume im Hexenhaus aufmerksam, findet ihr durchaus rezitierte Sätze aus der literarischen Vorlage darin. Damit das Werk jedoch überhaupt als Hörspiel funktionieren kann, müssen ähnlich wie bei einem Film einige Änderung vorgenommen werden.

Im Hörspiel werden Szenen, die dem Leser in einem Nebensatz als Informationen dienen und zum Gedankengang des Protagonisten gehören, ausgespielt und zeitlich verschoben. Damit erhält der Hörer Informationen teilweise vor dem Leser, weiß aber nicht unbedingt, dass dem Protagonisten diese Informationen ebenfalls bekannt sind. So handelt es sich bei der Folterung der Hexen und ihre dadurch preisgegebenen Informationen nicht um eine Aufzeichnung, die Gilman gelesen hat und entsprechend interpretiert, sondern um die erste Szene des Hörspiels.

Da Lovecraft genügend Informationen bezüglich des Ablaufs und der Worte der Hexe gegeben hat, fühlt sich diese Szene nicht verkehrt an. Auch wenn die Worte vielleicht etwas zu schnell aus der Kehle der Hexe entronnen sind. Anders sieht es mit der Hörspielszene aus, in der Gilman auf offener Straße auf die Hexe trifft. Geht er im schriftlichen Werk nur davon aus, dass er sie gesehen hat, wird dies im Hörspiel zu einem Fakt.

Das Gespräch der beiden ist frei erfunden. Das bringt das Grundgerüst dennoch nicht ins Wanken. Durch die verschiedenen Informationen, die in neue Szenen umgewandelt werden, wird das Hörspiel chronologischer. Die Geschichte an sich wird jedoch nicht verändert.

Damit diese Erzählung überhaupt funktioniert, wird sie mit Dialogen und Monologen angereichert. Gilman tritt mit seiner Außenwelt vermehrt in Kontakt. Daneben haben die Macher einigen Figuren eine Stimme verliehen, die wir sonst nur aus Gilmans Wahrnehmung kennen. So klingt der Vermieter überraschend nett und entspricht nicht wirklich dem Eindruck, welchen man aus der Beschreibung des Buches aufschnappt.

Sorgen, Vermutungen und Erkenntnisse werden dem Hörer in Dialogen offenbart. Die inneren Monologe des Textes wurden geschickt umgewoben, sowie teils aus Epiktexten dramatischer konstruiert, um sie auf die Theaterbühne beziehungsweise in das Hörspiel zu bringen.

Das vermehrte Sprechen macht sich erst ab einer bestimmten Stelle negativ bemerkbar. Wie reizvoll die Stimme des Schwarzen Mannes (gesprochen von Roland Hemmo) auch ist, eigentlich müsste er stumm sein. Hier stößt das Hörspiel an seine Grenzen.

Denn ein unheimliches Schweigen kann es nicht einfangen, ohne dass der Hörer sich fragt, ob jetzt der nächste Track anfängt oder es vielleicht hängen geblieben ist. Die Hexe und Gilman hätten also um den Schwarzen Mann herumsprechen müssen. Dies hätte jedoch eher schwachsinnig als bedrohlich gewirkt.

Die sonst üblichen Selbstgespräche der Protagonisten, mit denen sie ihre Umgebung beschreiben, wäre ebenfalls keine Lösung für das Problem des eigentlich stummen Schwarzen Mannes. Vielleicht wäre dieses Stilmittel hilfreich gewesen, wenn Gilman seine Worte direkt an den Schwarzen Mann richtet und dieser schweigt.

Dafür hat das Hörspiel etwas, was uns ein literarischer Text nicht bieten kann: Es kann Stimmungen durch Musik und Soundeffekte aufbauen. Hier liegt klar die Stärke der Werke aus dem Gruselkabinett.

Fazit

Die Umarbeitung von literarischen Stoffen in ein anderes Medium ist meist ein heikles Unternehmen. Der Leser wird immer etwas finden, was nicht passt. Diese kleine Änderung, die einfach zu viel war und die Umsetzung scheitern lässt. Und obwohl ich erstaunt hochschaute, als die Worte des Schwarzen Mannes überraschenderweise an mein Ohr drangen, gefällt mir das Hörspiel Träume im Hexenhaus.

Es kommt nicht an die Schauerlichkeit der literarischen Vorlage heran, doch das Hörspiel hat mich ganz langsam in eine andere Welt gezogen und ist damit eine klare Empfehlung.

 

Wie bewerten wir? Lest hier nach.

Träume im Hexenhaus
Autor: Howard Phillips Lovecraft
Laufzeit: ca. 67 Minuten
Verlag: Titania Medien

Folge 100: Träume im Hexenhaus

Price: EUR 5,99

4.4 von 5 Sternen (21 customer reviews)

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Jasmin Dahler

Jasmin Dahler

Lebt in der Welt der Superhelden. Gut eigentlich in der Welt der Superschurken. Egal ob Comics, Games oder Filme, alles wird leidenschaftlich konsumiert.
Hauptthemen: Comics, Hörspiele, Games

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