Nimona


Der berüchtigte Superschurke Ballister Blackheart kann seinen Augen kaum trauen: In seinem Geheimversteck ist er gerade noch am Schmieden seiner nächsten Gaunerei, da wird er von einer ungestümen Teenagerin überrumpelt. Nimona ist ihr Name und sie hat sich in den Kopf gesetzt, Ballisters Sidekick zu werden – eine glückliche Fügung des Schicksals oder doch nur eine teuflische Nervensäge?

Die in sich abgeschlossene Graphiknovelle, benannt nach der gleichnamigen Protagonistin, entstammt komplett der Feder von Noelle Stevenson. Seit 2012 veröffentlicht die damalige Kunststudentin kürzere Passagen auf Tumblr, die seit 2015 als vollständiges Werk auf dem amerikanischen Markt erhältlich sind. Für zahlreiche hochkarätige Preise nominiert, nahm sich schließlich auch der Splitter Verlag Nimonas an. Hierzulande ist die deutsche Fassung nun seit einigen Wochen erhältlich.

Wenn Magie auf Technik trifft…

In einer mittelalterlich-feudal inspirierten Welt hat Ballister Blackheart Glück im Unglück: Wenngleich noch keiner seiner Coups wirklich je von Erfolg gekrönt war, hat er nun eine neue Gehilfin an seiner Seite, die obendrein noch eine begnadete Gestaltwandlerin ist.

Doch schon beim Planen ihrer ersten gemeinsamen Schurkerei gehen beider Vorstellungen über die geschickteste Vorgehensweise weit auseinander: Während Ballister traditionell Angst und Schrecken zu verbreiten gedenkt, um den hiesigen König zu entführen, möchte Nimona selbigen gleich ganz aus dem Weg räumen, um die Krone für ihren neuen Boss zu beanspruchen.

Letztlich wird entschieden, erst einmal in das Forschungslabor des sogenannten Instituts für Strafverfolgung und Heldentum einzubrechen. Dort gibt es nämlich neue beziehungsweise noch geheime Technologien zu stehlen.

Doch es kommt, wie es kommen musste: Während des Einbruchs werden sie vom heldenhaften Schönling und Erzrivalen Ambrosius Goldenloin ertappt. Als dann auch noch die Wachmanschaft auftaucht, scheint eine flucht ausgeschlossen.

Und so bricht in Nimona die schon zuvor angedeutete Mordlust hervor. Ob als flinke Bestie oder süßen Mädchen – sie nimmt sich einen Soldaten nach dem anderen vor. Ihr tödliches Wüten führt letztlich zur vollständigen Zerstörung des Laborkomplexes.

Wieder zurück im Geheimversteck mahnt Ballister seinen neuen Sidekick künftig zur Mäßigung, entdeckt dann aber in den von ihnen gestohlenen Daten, dass vor Ort mit hoch gefährlichen und daher verbotenen Substanzen experimentiert wurde, die das Wohlergehen der gesamten Bevölkerung gefährden. Doch es zeigt sich bald, dass nicht nur das ominöse Institut das ein oder andere zu verbergen hat…

Die Geschichte beginnt recht locker und schnell wird klar, dass die Autorin mit gängigen Genre-spezifischen Stereotypen spielt, die für den ein oder anderen Schmunzler sorgen. In ihrem weiteren Verlauf gewinnt die Handlung, die zweifelsohne an eine von Schicksalsschlägen gepeinigte Vater-Tochter-Beziehung erinnert, wider Erwarten an Tiefe, bis sie schließlich in einem durchaus spannenden Finale gipfelt.

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Ein etwas eigenwilliger Humor: Nimonas Schwindel, vom Arbeitsamt geschickt worden zu sein, fliegt schnell auf. (© Splitter)

Wenn Mädchen zu Monstern werden…

Während sich zu Beginn des Comics eine strikte Rollenzuweisung der einzelnen Figuren geradezu aufdrängt, verliert die klare Unterscheidung zwischen Rechtschaffenheit und Böswilligkeit zunehmend an Kontur, je umfassender wir die einzelnen Charaktere kennenlernen.

So handelt es sich bei Nimona einerseits um eine impulsive und emotional ambivalente Persönlichkeit, die sich augenscheinlich nach Geborgenheit und Nächstenliebe sehnt. Andererseits verkörpert sie ebenfalls eine vielgestaltige Bestie, die ohne mit der Wimper zu zucken ganze Städte samt Bevölkerung in Schutt und Asche zu legen vermag.

Im Gegensatz dazu ist Ballister Blackheart ein verkapptes und offenkundig fürsorgliches Supergenie, welches das Wohl seiner Mitmenschen eigentlich priorisiert, jedoch aufgrund einer hinterhältigen Schmähung während seiner Zeit in der Heldenakademie letztlich in die Rolle des Bösewichts gezwängt wurde.

Aber auch Ambrosius Goldenloin, der als strahlender Held im Dienste des Instituts für Strafverfolgung und Heldentum steht, verliert nach und nach das Vertrauen in die Rechtschaffenheit seinen Auftraggebers. Früher verband ihn mit Ballister eine gar brüderliche Freundschaft, die infolge eines vermeintlichen Unfalls, in dem Letzterer seinen rechten Arm verlor, zerbrach.

Nichtsdestotrotz hege ich an einigen Stellen Zweifel an der Logik der Figuren: Wieso plant beispielsweise Ballister Blackheart anfänglich eine aufwändige Geiselnahme für eine solide Lösegeldforderung, wenn er doch schon einen komfortabel tragbaren Banktresorwände-schmelzenden Superlaser im Keller rumliegen hat?  

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Mit allen Mitteln: Nimona nutzt ihre vielseitigen Verwandlungskünste, um ihre Gegner gekonnt auszuschalten. (© Splitter)

Wenn Minimalismus Potenzial verschenkt…

Entgegen der charakterlichen Diversität ist die optische Ausgestaltung des ehemaligen Web-Comics erwartungsgemäß schlicht: Die Figuren und Kulissen sind sowohl formal als auch farblich zuweilen schon fast bis zur Unkenntlichkeit stilisiert beziehungsweise vereinfacht. Ausdifferenzierende Schattierungen und andere Plastizität oder räumliche Tiefe erzeugende Elemente werden nur sehr spärlich eingesetzt.

Aber auch der Lesestoff ist auf ein Minimum reduziert: Kürzere Textpassagen in leicht geschwungener Schrift finden sich ausschließlich in den konturlosen Sprechblasen, wobei Geräusche als Lautmalereien direkt in der Szenerie platziert sind. Auf Zusatzinformation in Form von Textboxen, Bildunterschriften und dergleichen wird ansonsten vollständig verzichtet. (Den Tippfehler auf Seite 100 erwähne ich nur der Vollständigkeit halber.)     

Davon abgesehen sind die zumeist rechteckigen Panels sauber auf weißem Grund aufgereiht und daher zumindest gut lesbar. Ein wahrlich schwacher Trost!

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Spartanische Ausstattung: Nimona und Blackheart werden im Forschungslabor von Goldenloin zur Rede gestellt. An das Interiör einer experimentellen Einrichtung erinnert dabei nur der im Hintergrund grün blubbernde Zylinder. (© Splitter)

Fazit

Insgesamt stellt die Grafiknovelle Nimona für mich ein solides Erstlingswerk dar, welches zweifelsohne meine Achtung verdient hat. Nichtsdestotrotz ist seine optische Ausgestaltung recht gewöhnungsbedürftig. Selbst die durchaus gelungenen Charaktere und der ebenfalls etwas eigenwillige Humor können dieses Manko kaum wettmachen, wenngleich Letzteres sogar meinen Geschmack trifft. Im Großen und Ganzen finde ich den Comic unterhaltsam.

Eine ausgiebige Leseprobe findet ihr übrigens im Online-Shop des Splitter Verlags. Schaut auf jeden Fall mal rein!

Was bedeutet diese Wertung? Klickt hier und findet es heraus.

 

Nimona
Autorin: Noelle Stevenson
Zeichnerin: Noelle Stevenson
Verlag: Splitter
Tradepaperback: 272 Seiten
 

Nimona

Price: EUR 19,95

4.6 von 5 Sternen (5 customer reviews)

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Marco Schugk

Marco Schugk

Tauscht gern Schwert und Rüstung gegen Federkiel und Tinte, um den Geschichten und Erzählungen seiner Kameraden gelehrsam Ausdruck zu verleihen.
Hauptthemen: Lektor, Games, Brettspiele.

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  • Puh ja… viel Lob habe ich über diesen Comic gelesen, aber genau wie du finde ich den Zeichenstil arg gewöhnungsbedürftig. Ja, Plot und Figuren sind an sich immer wichtig, aber in einem optischen Medium wie diesem eben auch nicht alles.
    Irgendwann werde ich es aber wohl so oder so lesen, ist an sich ja mein Genre. 😉

    • Marco Schugk

      Es ist immer schwierig, gerade bei viel gepriesenen Werken unvoreingenommen an die Sache heranzugehen. Es freut mich uns natürlich um sehr, wenn dir unsere Rezension gefällt.