Reboot-Wahn oder zeitgemäße Anpassung? – Ein kurzer Kommentar


Baywatch, Matrix, 12 Monkeys, Sherlock Holmes, Power Rangers, Knight Rider, Akte X und Twin Peaks – alles Filme und Serien meiner Jugend. Sie alle sollen neu aufgelegt werden, teilweise mit einem kompletten Reboot der vorherigen Handlungsstränge. Die einen Sagen „Nicht schon wieder ein weiterer Versuch, meine Kindheitserinnerungen zu zerstören“, die anderen „Hey, bald gibt es eine neue Serie“, kaum wissend, dass es vorher schon einmal etwas gab.

12 Monkeys gehört zu meinen absoluten Lieblingsfilmen. Nicht nur Kameraführung, Setting und Schnitt sind super – vor allem die Geschichte ist der absolute Hammer. !Achtung Spoiler! In meinen Augen ist es einer der wenigen realistischen Zeitreisefilme mit einer Vergangenheit, die man nicht ändern kann, weil sonst die Gegenwart so nicht eingetreten wäre. Revolutionär bodenständig für ein sonst so verspieltes Hollywood.

Umso mehr habe ich mich gefreut, als hierzu endlich eine Serie erscheinen sollte. Bereits in den ersten Minuten der ersten Folge wurde ich noch mehr enttäuscht als von einem Montagnachmittagsprogramm bei RTL. !Achtung Spoiler! Durch ein Zeitparadoxon gelingt dem Protagonisten die Flucht. Hallo? Hat irgendjemand vom Team einmal den Originalfilm gesehen?

Warum muss man alles immer rebooten?

Im Wesentlichen ist es sehr einfach zu erklären, warum alle paar Jahrzehnte Filme neu aufgelegt werden. Nicht ohne Grund heißt es „Filmbusiness“.  Ergibt der Film am Ende ein Produkt, welches bei der Zielgruppe Absatz findet? Dann wird er gemacht!

Verspricht das Konzept noch andere Zielgruppen zu erreichen? Umso höher wird das Budget und die Qualität der Produktion – ungeachtet davon, dass das Drehbuch komplett umgeworfen wird und das Wesen der alten Filme und Universen komplett den Zusammenhang verlieren.

So funktioniert das Filmgeschäft.

Dabei hat all das nicht nur eine negative Seite. Wer hätte sich vor 40 Jahren vorstellen können, dass eine breite Zielgruppe massenweise in Marvel & DC Filme strömt?

Die Gegenprobe funktioniert hier auch: Würdest Du Dir die Batman-Serie der 1960er Jahre leidenschaftlich in vollem Umfang anschauen?

Reboots gab es schon immer

Reboots und Remakes sind keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Seit die Bilder laufen lernten, experimentierte man, ließ sich inspirieren und setzte neu auf. Die ersten Filme in den 1910er Jahren hießen 20.000 Meilen unter dem Meer oder auch Nosferatu. Das war die Generation unserer Ur-Großeltern. Bereits mein Großvater konnte mit diesen Schinken nichts mehr anfangen. Also gab es nach einigen Jahrzehnten Neuauflagen, die massiv gegen die Handlungsstränge der alten Filme verstießen. Das gleiche Phänomen erreichte unsere Eltern und erreicht nun uns und die folgende Generation. Und schließlich wurde 1992 mit Bram Stoker’s Dracula das Reboot des Reboots verwirklicht.

Kunst, Kultur und damit auch Geschmäcker wandeln sich im Laufe der Zeit. Filme, Kindheitserinnerungen und Träume in die aktuelle Zeit zu bringen, ist nicht verkehrt und nicht immer mit einem negativen Beigeschmack versehen – bestes Beispiel: Sherlock mit Benedict Cumberbatch.

Ein Reboot aller bisherigen Geschichten ermöglicht manchmal sogar die Chance, Geschichten zu erzählen, die anders niemals hätten stattfinden können. Auch wenn es den ein oder anderen Star Wars-Fan jetzt schmerzt: Es ist gut, dass das Expanded Universe auf das Abstellgleis gestellt wurde. Ohne diesen Schritt, hätten die Drehbuchautoren und Regisseure keine Chance gehabt, überhaupt irgendeine kreative Arbeit zu leisten. Die Grenzen wären zu eng gewesen. Ist deshalb das Expanded Universe tot? Nicht, solange Fans es aufrecht erhalten, sozusagen als Parallel-Universum zum offiziellen Kanon.

Money, Money, Money

„Die wollen doch nur Geld machen!“ Klar. Das ist der Wesenskern des Filmgeschäfts. Kreative Arbeit will auch bezahlt werden. Einen Film und eine Serie zu produzieren, nur um zehn Filmfans einen Gefallen zu tun, davon werden die Familien der Mitarbeiter auch nicht satt.

Zudem sind viele Filme Deiner und meiner Jugend auch nur Remakes oder stark von vorherigen Filmen inspirierte Weiterentwicklungen gewesen. Ein Reboot der Stories war auch damals unerlässlich. Uns hat es seinerzeit nicht gestört, weil wir teilweise die ursprünglichen Werke schon gar nicht mehr kannten – und stören sollte es uns heute auch nicht.

Jede Dekade braucht anscheinend eine eigene Interpretation der Geschichten. Vielleicht differenzieren sich die Zielgruppen zunehmens. Vielleicht sollte man einen Unterschied zwischen „alten Batman Fans“ und „neuen Batman Fans“ machen. Und vielleicht sind wir einfach nicht mehr die Zielgruppe. Also regt euch nicht über den nächsten Reboot auf und schwelgt einfach in euren Erinnerungen und euren Filmen und lasst die neuen Filme für die neue Zielgruppe.

Phil Ramcke

Phil Ramcke

Macht irgendwas mit Medien. Filme sind seit seiner Geburt seine große Leidenschaft – nicht nur schauen, sondern auch selber machen.
Hauptthemen: Filme

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  • Daniel

    Danke für die Stellung zu “12 Monkeys”. Damit sprichst du mir echt aus der Seele. Die Serie ist einfach nicht “12 Monkeys” wie es sein sollte.

    • Daniel

      Stellung -> Stellungnahme