Review: Der intime Horror von Resident Evil 7


Guter Horror basiert auf dem Unbekannten. Ein Mysterium, welches in seinen Bann zieht und nicht loslässt, bis es aufgelöst ist. Wie aber soll man Horror in einem Spiel erschaffen, welches eine 7 im Namen trägt? Es gibt immerhin nichts weniger unheimliches, als Wiederholung. Für Capcom war die Antwort, neu anzufangen und das Meiste zu ignorieren, was bisher aufgebaut wurde.

Resident Evil gehört zu den Urgesteinen des Horror Genres in der Videospielwelt. Es hat sogar ein eigenes Sub-Genre namens “Survival Horror” ins Leben gerufen. Seit seinen Anfängen 1996 hat die Serie sich jedoch immer weiter von seinen Horrorwurzeln entfernt. Resident Evil 6, der letzte nummerierte Teil der Serie, war beispielweise ein Actionfeuerwerk, welches selbst für Michael Bay Verhältnisse zu abgedreht gewesen wäre. Noch dazu war es nicht besonders gut. Also nicht unbedingt die beste Ausgangsposition für ein Sequel.

Dennoch schaffte es Capcom, mit Resident Evil 7: Biohazard eine der ersten Überraschungen des Jahres 2017 abzuliefern.

Da eine der größten Stärken des Spiels sein mysteriöses Setting ist, will ich nicht allzu viel verraten: Ihr spielt Ethan Winters, der eine mysteriöse Nachricht von seiner verschollenen Freundin erhält. Diese führt ihn in ein unheimliches Anwesen in Louisiana, welches von der noch viel unheimlicheren Baker-Familie bewohnt wird.

Sehr schnell wird euch bewusst, dass in dem Anwesen nichts mit rechten Dingen vor sich geht. Das Ziel des Spiels ist es, eure Freundin zu finden und dem Anwesen zu entkommen. Die Bakers tragen gleichzeitig ihren Teil dazu bei, dieses Unterfangen für euch möglichst schwierig zu gestalten.

Die Bakers. Eine schrecklich nette Familie. (© 2017 Capcom)

Familie Baker stellt ein klares Highlight des Spiels dar. Falls ihr den klassischen Horrorfilm Texas Chainsaw Massacre kennt, werdet ihr sehr starke Parallelen zu der unheimlichen Killerfamilie aus dem Film erkennen. Im Gegensatz zu denen sind die Bakers aber mit übernatürlichen Fähigkeiten gewappnet, die euch das Leben sehr schwer machen werden.

Was die Bakers aber zu so furchteinflößenden Kontrahenten macht, sind nicht ihre übernatürlichen Fähigkeiten, sondern ihre inhärente Menschlichkeit. Sie sind keine hirnlosen Monster, die euch essen wollen, sondern Menschen mit Persönlichkeiten und dem Bedürfnis, euch das Leben zur Hölle zu machen. Es gibt Situationen, in denen euch bestimmte Mitglieder der Baker-Familie in Teilen des Anwesens suchen, während ihr versucht, ihnen aus dem Weg zu gehen. Das alleine wäre furchtbar genug. Resident Evil 7 geht hier aber einen Schritt weiter: Sie rufen Ethan beim Namen und verspotten euch teilweise sogar. Ihr seid alleine in dem Haus von Mördern und diesen ausgesetzt. Die Bakers wollen, dass ihr diese Tatsache nie vergesst.

Das Ambiente überzeugt durch seine Detailverliebtheit. (© 2017 Capcom)

Das Spiel präsentiert einen sehr intimen Horror, der vom Schauplatz unterstützt wird. Die Spielareale sind flächenmäßig sehr überschaubar, durch intelligent platzierte Puzzle- und Gegneranordnung wird aber das Meiste aus den Arealen geholt.

Vor allem in der ersten Hälfte des Spiels werdet ihr von einer aufregenden Situation zur nächsten gejagt, was für ein unglaublich gutes Tempo sorgt.

Da Puzzles und Erkundung nur einen Teil der Resident Evil-Gleichung darstellen, könnt ihr euch natürlich auch wehren: Verschiedene Waffen warten darauf, von euch eingesammelt und gegen die Schrecken des Spiels eingesetzt zu werden. Der größte Bruch zur Tradition ist hier sicherlich die Umstellung zur Egoperspektive: Ihr spielt und kämpft erstmals in einem Resident Evil-Spiel komplett aus der Perspektive des Protagonisten.

Glaubt mir, so nah wollt ihr Jack Baker nie sein. (© 2017 Capcom)

Da Munition aber alles andere als üppig gesät ist, ist haushalten angesagt. In vielen Situationen ist es sinnvoller, sich zu verstecken oder zu rennen, um Munition zu sparen, die euch später das Leben retten könnte. Ein weiteres Spielelement, welches seine Rückkehr aus alten Resident Evil-Spielen feiert, ist das Inventarmanagement. Ihr könnt nur eine bestimmte Anzahl Objekte mit euch umhertragen. Somit müsst ihr zu jeder Zeit Entscheidungen über euer Equipment treffen: Wollt ihr mehr Munition oder Heilmittel tragen? Ist es sinnvoll, mehr als eine Waffe in das nächste Gebiet zu nehmen, oder lasst ihr lieber Platz für wichtige Schlüssel? Diese Spielelemente sorgen dafür, dass die Spannung konstant hoch bleibt. Items die ihr zurzeit nicht benötigt, könnt ihr in Kisten deponieren, die ihr in jedem Speicherraum finden könnt.

Apropos Speichern: Im Gegensatz zu alten Resident Evil-Spielen, in denen ihr nur in bestimmten Räumen mit Hilfe von limitierten Farbbändern speichern konntet, könnt ihr in Resident Evil 7 endlos oft speichern. Darüber hinaus gibt es viele Checkpoints, an denen das Spiel euren Fortschritt automatisch sichert. Allerdings beinhaltet das Spiel freispielbare Schwierigkeitsstufen, auf denen ihr wie in der guten alten Zeit Items zum Speichern benötigt und dies auch nur in Speicherräumen tun könnt.

Ein typisches Resident Evil 7 Puzzle. (© 2017 Capcom)

Ein weiteres altbewährtes Element, welches seine Rückkehr feiert, sind die abstrakten Puzzles. Wie in alten Teilen gilt es, allerhand obskure Objekte in ominöse Gerätschaften zu stecken, um Puzzles zu lösen, die Türen öffnen, geheime Durchgänge freilegen oder euch verschiedene Schlüssel geben, mit denen ihr jeweils eine Handvoll Türen im Haus öffnen könnt. Im Vergleich zu den alten Teilen sind die Puzzles aber alle recht simpel gehalten. Ihr müsst nirgendwo Chemikalien im perfekten Verhältnis mixen, um weiterzukommen. Meist reicht es, ein Objekt in die richtig Position zu drehen.

Capcom hat es also geschafft, alte Stärken mit einer neuen Perspektive zu vereinen, um ein unglaublich einnehmendes Erlebnis zu erschaffen. Vor allem in der ersten Hälfte des Spiels wirken alle Elemente des Spiels im Einklang, um ein unvergessliches Erlebnis zu kreieren.

Auch eine alte Dame im Rollstuhl kann euch mit der richtigen Atmosphäre das das Fürchten lehren. (© 2017 Capcom)

Da Resident Evil 7 storytechnisch einen Bruch zur bisherigen Serie darstellt, kann die Geschichte lange mysteriös bleiben. Es ist unklar, in welchem Zusammenhang sie zu anderen Teilen der Serie steht. Auch die Umstände um die Bakers und ihre unheimlichen Fähigkeiten bleiben lange ungeklärt, was die Spannung weiter antreibt. So gelingt es Resident Evil 7 auch, einige der besten Aspekte von Resident Evils langer Historie zu übernehmen, ohne sich von den weniger interessanten (und oft völlig durchgeknallten) Elementen beeinträchtigen zu lassen. Das Spiel ist außerdem sehr zurückhaltend (zumindest bis zu einem bestimmten Punkt). Viele ruhige Momente werden effektiv eingesetzt, um Spannung aufzubauen, die ihr in den Knochen spüren könnt. Dadurch gelingt es dem Spiel auch, selbst die alltäglichsten Objekte und Personen zu furchteinflößenden Gestalten zu machen, die eure Albträume heimsuchen werden. Selbst eine alte Frau im Rollstuhl, die nur dasitzt, kann euch mehr Angst einjagen, als zehn Hunde, die durch Fenster springen. Die Tatsache, dass ihr durch die Egoperspektive noch näher an allem dran seid, macht die Schrecken nur intimer und somit effektiver.

Die neue Perspektive bringt euch viel näher in das Spielgeschehen. (© 2017 Capcom)

Besondere Erwähnung verdient das Sounddesign des Spiels: Ihr hört dem Haus sein Alter förmlich an, während ihr es durchstreift. Immer wieder hört ihr Knatschen, Klackern, Hämmern und allerlei andere Geräusche, die sich oft auf das Haus selbst zurückführen lassen. Da ihr aber nie sicher sein könnt, erwartet ihr gleichzeitig Furchtbares hinter jeder Tür, wenn ihr von der anderen Seite ein undefinierbares Geräusch vernehmt. Vor allem die erste Hälfte des Spiels baut das Baker-Anwesen zu einem essentiellen Charakter mit eigener Persönlichkeit auf. Wie das Anwesen im ersten Resident Evil, wird euch der Schauplatz defnitiv im Gedächtnis bleiben.

Resident Evil und Playstation VR

Bei meinem ersten Durchlauf habe ich fast das gesamte Spiel ausschließlich mit Sonys Playstation VR Headset gespielt. Es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, dass es eine meiner absoluten Lieblingserfahrungen war, die ich je mit einem Videospiel erlebt habe. Das Gefühl echter Präsenz, welche euch das VR-Erlebnis beschert, macht die Atmosphäre des Spiels noch viel stärker als sie ohnehin schon ist. Ich fühlte mich wirklich so, als würde ich ein unheimliches Haus erkunden. Wenn man seinen Kopf leicht neigt, um zu sehen, was sich hinter der nächsten Ecke verbirgt, ist das eine Erfahrung, die ein Spiel in einer solchen Potenz ohne VR nicht reproduzieren kann. Wenn ihr währenddessen noch erblickt, wie ein tödlicher Gegner langsam aber sicher auf euch zugeht, entsteht Panik, die ich so noch nicht erlebt habe. Es ist ein Erlebnis, welches sich kaum erklären lässt, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Das ist sicherlich noch die größte Hürde, die Virtual Reality überwinden muss.

Resident Evil 7 ist auch das erste große Spiel, welches sich komplett in VR spielen lässt. Es ist keine Minispielsammlung oder eine zweistündige Erfahrung, die zu Testzwecken entwickelt wurde. Es ist ein komplettes Resident Evil-Spiel in VR und war somit für mich der erste echte Kaufanreiz für ein VR Headset.

Das Spiel verliert durch den Wechsel zu VR zwar stark an Details, aber dies fällt nach kurzer Spielzeit kaum noch auf, da man sich sehr schnell in der Erfahrung verliert. Objekte in der Umgebung näher zu erforschen, indem man seinen Kopf einfach näher zum Objekt bewegt, ist so intuitiv, dass man beim Spiel kaum darüber nachdenkt. Die Spielerfahrung wird dadurch aber ungemein bestärkt. Ein weiterer Vorteil ist die Zielmechanik. In VR zielt man, indem man seinen Kopf bewegt. Man Schaut also, wohin man schießen will. Dadurch werden Headshots schon fast zu einfach (sofern man die Ruhe bewahren kann).

Es gibt vielfältige Einstellungsmöglichkeiten, wie man sich in VR bewegt, von völlig freier Steuerung zu einer Variante, in der sich der Charakter in bestimmten vordefinierten Gradzahlen dreht. Da freie Bewegungen in VR bei verschiedenen Spielern zu Übelkeit führen kann, ist diese Einstellung sehr hilfreich. Ich persönlich habe mit freier Bewegung auf der niedrigsten Schwenkgeschwindigkeit gespielt, was auch nach stundenlangen Partien zu keinerlei Unwohl führte (zumindest nicht mehr als vom Spiel beabsichtigt).

Ich kann dieses Spiel mit einigen Einschränkungen empfehlen, aber in Kombination mit VR bekommt es eine uneingeschränkte Empfehlung und ich kann jedem nur raten, das Spiel beim ersten Mal in VR zu spielen, wenn ihr ein ganz besonderes Spielerlebnis genießen wollt. Bucht aber zusätzlich lieber ein paar Stunden bei eurem Psychiater. (Foto: ©Sony Playstation)

Leider wird das Spiel zum Ende hin plötzlich weitaus actionlastiger. Es erreicht nie die absurden Ausmaße von Resident Evil 6, aber verglichen mit der ersten Hälfte fällt ein starker Bruch in der Konsistenz der Spieldynamik auf. Auch die Gegner, auf die ihr stoßt, werden weitaus weniger interessant und abwechslungsreich. Weder die optische Gestaltung noch die Art und Weise, wie ihr mit ihnen umgeht, kann sich mit einigen der Begegnungen der ersten paar Stunden messen. Diese Gegner tauchen in der ersten Hälfte zwar auch auf, werden aber von anderen Begegnungen ausgeglichen. Diese Abwechslung wird in der zweiten Spielhälfte schmerzlich vermisst.

Der größte Kritikpunkt, den ich dem Spiel vorwerfen kann, ist also seine zweite Hälfte. Während der erste Teil des Spiels atmosphärisch dicht und voller kreativer wie furchteinflößender Momente ist, ist die zweite Hälfte weitaus weniger interessant. Die Schauplätze werden ab einem bestimmten Punkt immer weniger interessant und persönlich, da ihr das gruselige Ambiente des Hauses irgendwann hinter auch lasst und vergleichsweise sehr langweilige Schauplätze erkunden müsst. Das Spieldesign wird auch immer linearer. Während ihr anfangs ein größeres Gebiet kreuz und quer durchstreift, werdet ihr zum Ende hin immer geradliniger durch die Areale gelotst. Areale, die zwar abwechslungsreich gestaltet sind, aber in keiner Weise mit der Atmosphäre oder dem Charme des Anwesens mithalten können.

Ein Problem vieler Horrorgeschichten, ist die Tatsache, dass ein aufgeklärtes Mysterium seinen Schrecken verliert. Dies ist auch hier der Fall, wobei ich die Erklärung als solche auch eher ernüchternd fand. Ein effektiver Twist in einer Horrorgeschichte kann alles, was bisher passiert ist, in ein neues, noch viel bedrückenderes Licht stellen. In Resident Evil 7 schwächt die Erklärung die Geschehnisse rückwirkend aber sogar ab. Auch die Art und Weise wie „der Twist“ erklärt wird, ist eher ernüchternd. Ihr gelangt in einen Raum in dem alle Antworten hübsch verpackt auf euch warten. Es fehlt nur noch Geschenkpapier und eine Schleife. Hier hätte die Information viel eleganter in die Geschehnisse eingebettet werden können.

Die zweite Hälfte erreicht also etwas, was normalerweise Fortsetzungen vorbehalten ist: Sie ignorieren die Qualitäten des Vorgängers und ersetzen sie durch eine bloße Menge an Inhalt, die nur thematisch mit dem Erstling verknüpft ist. Ich weiß nicht ob Zeitdruck, Budgetknappheit, oder Teamspaltung für den qualitativen Unterschied der beiden Spielhälften verantwortlich ist, aber er ist das Einzige, was das Spiel davon abhält, ein wahrer Klassiker zu werden.

Ich will aber unmissverständlich ausdrücken, dass die erste Hälfte stark genug ist, um das Spiel voll und ganz zu empfehlen. Denn all das sind Probleme, die sicher ins Gewicht fallen, aber die unglaublich starke erste Hälfte gleicht diese problemlos mehr als aus. Es wird sicher Spieler geben, denen die zweite Hälfte nicht negativ auffällt, oder die diese sogar als logischen und vorteilhaften Ausgleich zur ersten Hälfte sehen.

Fazit

Ob Ihr die zweite Hälfte lieben, oder hassen werdet: Ich kann das Spiel jedem Resident Evil- oder Horrorfan absolut empfehlen. Resident Evil 7 ist ein Spiel, welches es geschafft hat, alte Stärken einer totgeglaubten Serie aufleben zu lassen und diese mit logisch genutzten neuen Elementen zu verfeinern. All das wurde erreicht, ohne sich von der langen Historie der Serie negativ beeinflussen zu lassen. Survival Horror lebt wieder und ich bin gespannt, wie Capcom die Serie weiterführen will, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass sie die Stärken dieses Spiels wiederholen können, ohne diese zu schwächen. Immerhin ist genau das in der zweiten Hälfte passiert.

Was bedeutet diese Bewertung? Lest es hier nach.

Resident Evil 7 Biohazard – [PlayStation 4]

Price: EUR 34,98

4.4 von 5 Sternen (454 customer reviews)

17 used & new available from EUR 24,99

Dominik Krawczyk

Dominik Krawczyk

Games for life. Das ist Dominiks Devise. Wenn er gerade nicht irgendwas zockt, dann spricht und schreibt er darüber.
Hauptthemen: Games

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