Kleine Zeitreise Teil 5: Gewalt, Toleranz und neu entdeckte Heldenideale


Die Technologie entwickelt sich stetig weiter, die Globalisierung wird debattiert, Jugendliche entwickeln eine Affinität zum Umweltschutz und der Kapitalismus steht als klarer Sieger da. Letztlich wirkt die Welt komplexer denn je. Und so wagen die Helden den Sprung in die reine Gewalt.

In der Comicwelt avancieren Sex und Gewalt alsbald zu einer zentralen Thematik. Vor allem in Figuren wie Judge Dredd und Lobo manifestiert sich der violente Höhepunkt, wenngleich durch ironische bzw. zynische Kommentare versucht wird, ähnlich so manchem Slasher-Film eine Distanz zum Leser zu schaffen.

Der Image Verlag prägt 1992 auch weiterhin die generische Geschlechtertypisierung, indem Männer als enorme Muskelberge und Frauen mit Wespentaille und üppiger Oberweite gezeichnet werden. Andere Verlage folgen diesem vermeintlichen Vorbild und behalten es teilweise bis heute bei. Falls ihr daran Anstoß nehmen solltet, wisst ihr jetzt zumindest, bei wem ihr euch beschweren könnt.

Zusätzlich werden Helden aggressiver dargestellt und zuweilen mit mächtigen Waffen ausgestattet. Dies kommt tatsächlich so manchem Leser entgegen, der sein Spannungsfeld im individuellen Prozess gewaltsam aufbrechen möchte.

Spawn als neues Heldenideal

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Spawn – das neue Heldenideal.

Moralische Zerwürfnisse zügeln nun nicht mehr das Handeln des Helden. Er setzt Gewalt ein, um zu überleben. Somit wird das Ausüben von Gewalt zum Schlüssel des Geschehens.

1992 entwirft McFarlanes den Helden Spawn alias Al Simmons, welcher einen Pakt mit einem Dämon eingeht, um noch einmal seine Ehefrau sehen zu können. Ausgestattet mit neuen Kräften stellt Spawn trotz diverser Gedächnislücken den Helden der Zeit dar.

Als er seine Frau findet, muss Spawn schmerzlich feststellen, dass diese bereits wieder glücklich verheiratet ist. Die Verlorenheit des Charakters ist insbesondere für jene Leser eine ideale Projektionsfläche, die sich nach einem geordneten Leben oder gar einem geordneten Amerika sehnen.

Im Comic wird der Konflikt durch die Darstellung der Bilder deutlich: Die Szenen des Familienlebens von Als Frau sind hell und sauber gezeichnet, welche die Familienidylle betonen. Spawn kann dieses Leben nur noch als Außenstehender beobachten, ohne jemals wieder Teil davon sein zu können. Sein Leben wird konsequenterweise in dunklen Farben gehalten.

Spawns Gegner sind die Schergen der Hölle – also das pure Böse selbst. Belehrungen sind wirkungslos und wie auch immer geartete Umerziehungen nicht möglich. Daran dennoch festzuhalten gleicht einer Illusion genau so wie einem liberalen Rechtssystem, gegen das zwischen den Zeilen permanent opponiert wird.

Der Versuch zu mehr Toleranz

Doch es wird nicht nur auf derart düsteren Welten gesetzt. Durch Bill Clinton schauen viele Amerikaner wieder optimistisch in die Zukunft und das Wir-Gefühl wird gestärkt. DC macht sich dies zu Nutze, um jüngere Helden zu schaffen, die zwar einerseits eine private Orientierungslosigkeit aufweisen, aber gleichzeitig für die Zukunft des Landes stehen. Das hat jedoch zur Folge, dass junge Helden teils unreifer handeln, da ihnen die Erfahrung fehlt.

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Marvel fordert mehr Toleranz. (© Marvel)

Die Thematik der Toleranz erhält ebenfalls allmählich Einzug in die Comic-Welt. So vermutet Green Lantern 1996 im Heft Nr. 76, dass sein Freund Connor Hawke homosexuell sein könnte, und erklärt diesem damit kein Problem zu haben. Seine Vermutung erweist sich jedoch als falsch, wodurch die Toleranz-Flagge von DC nur halbherzig geschwungen wird.

Marvel zieht die Thematik etwas anders auf. Bereits 1994 besucht Hulk einen Freund, der an Aids stirbt. Es wird sich hierbei auf das Leid des Freundes fokussiert und so zu mehr Toleranz aufgefordert, ohne dabei den Zeigefinger zu erheben und es als “göttliche Bestrafung” zu deklarieren.

Die Rückkehr zum klassischen Helden

DC sorgt 1994 mit ihrem Helden Hal Jordan (Green Lantern) für einen Paukenschlag. Er wird zum wahnsinnigen Killer, der seinen Ausbilder ermordet und damit den Höhepunkt des dunklen Comic-Zeitalters markiert.

Die Justice League leuten dann im Jahr 1996 die Rückkehr der Heldenideale ein. Zwar gibt es kein Heldentum und Hoffnung mehr ohne Sorglosigkeit, doch die Sehnsucht nach positiven Rollenbildern führt dazu, dass Werte wie Wahrheit und Gerechtigkeit wieder an Bedeutung gewinnen.

Dabei ist die wahre und gerechte Seite nicht unbedingt mehr eine behördliche Instanz. So kämpfen Green Lantern und Green Arrow auf der Seite von Rebellen, als sie merken, dass diese im Recht sind.

Ein anderes prägendes Beispiel findet sich bei Marvel: Im Jahr 1996 wird Captain America vom Präsidenten Clinton ins Exil geschickt. Dennoch rettet Captain America dem Präsidenten das Leben und schafft es, den Dritten Weltkrieg zu verhindern.

 

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Jasmin Dahler

Jasmin Dahler

Lebt in der Welt der Superhelden. Gut eigentlich in der Welt der Superschurken. Egal ob Comics, Games oder Filme, alles wird leidenschaftlich konsumiert.
Hauptthemen: Comics, Hörspiele, Games

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