Ecken und Kanten


Leser und Spielleiter runzeln bei einer Sache wohl gleichermaßen die Stirn: ein perfekter Charakter. Warum Fehler einen Charakter erst liebenswert machen und nicht jeder Nachteil wirklich einer ist, darum soll es in diesem kurzen Artikel gehen.

Fanfiction-Freunde nennen es eine Mary Sue. Ein Charakter, der jedes Problem lösen kann, unglaublich toll aussieht, bei jedem beliebt ist und höchstens durch angebliche Makel, wie süße Tollpatschigkeit, auffällt. Auch die männliche Version, Marty Stu genannt, fällt in kommerziellen Medien durch seine Idealisierung auf. Doch eine Mary Sue ist nicht grundsätzlich etwas Schlechtes. Sie/er ist einfach leichte Unterhaltungskost.
Doch wer beim Schreiben literarischer Texte komplexe Charaktere entwerfen möchte oder seinem Pen&Paper-Charakter lebendiger gestalten will, sollte auf ein paar Kleinigkeiten achten.

Das Aussehen

Beginnen wir doch ganz simpel bei den Äußerlichkeiten. In manchen Regelwerken gibt es den Vorteil "Gut Aussehend" und beim literarischen Schreiben ergeht sich der Autor doch recht schnell in ausführlichen Beschreibungen der Äußerlichkeiten (siehe Twilight Band 1). 
Beim literarischen Schreiben kann es natürlich auch passieren, dass unbewusst alle anderen Charaktere positiv auf das Aussehen eines Charakters reagieren, obwohl dieser sich selbst als durchschnittlich beschreibt. Insbesondere dann ist Vorsicht geboten. Denn das kann ganz schnell ein negatives Licht auf den Charakter werfen und das wird nicht dadurch revidiert, dass eine oder zwei Personen eifersüchtig reagieren. 
Im Pen&Paper Bereich kann das gute Aussehen durchaus ein annehmbarer Vorteil sein, wenn dies zum Charakter passt. Ein Söldner wird vermutlich die eine oder andere Narbe (die natürlich nicht notwendigerweise unattraktiv sein muss) haben, hingegen können ein Adliger oder nicht-menschliche Völker wie Elfen als sehr gut aussehend eingestuft werden. 
Wie bereits gesagt, können Narben durchaus attraktiv sein und ich persönlich empfinde meinen Nosferatu auch auf seine Art und Weise ansprechend. Denn hier möchte ich eine Unterscheidung machen. Attraktivität ist nicht gleichzusetzen mit gut aussehend, sondern etwas sehr subjektives. Zumal ein optischer Nachteil sowohl textlich als auch spielerisch sehr interessant sein kann. 
Ein Charakter kann dies zur Einschüchterung nutzen, es schamhaft verstecken oder wütend reagieren. Insbesondere das Einschüchtern möchte ich hier nochmals hervorheben. Meines Erachtens gibt es nichts Lächerlicheres, als eine vollbusige Dame mit wallendem Haar, die durch einen kalten Blick jemanden einschüchtert, der sie um zwei Köpfe überragt. Bei Schüchternen oder Kindern kann es von mir aus ja durchaus noch funktionieren.
 Was ich damit sagen möchte: In der Regel kann ein Charakter entweder gut aussehend, verführerisch und charmant sein oder eben einschüchternd, gar bedrohlich wirken. Denn gerne werden Vorteile beziehungsweise Charaktereigenschaften zusammengepackt, die sich irgendwie ausschließen. Einerseits ein Casanova, andererseits total unsicher bezüglich seines Aussehens? Wohl eher nicht.

Nachteile, die keine sind

Da kommen wir auch gleich zum nächsten Punkt: die lieben Nachteile. Textlich sei erst mal gesagt, es gibt keinen Menschen (oder irgendetwas anderes), der absolut keine Schwächen und Fehler aufweist und damit meine ich nicht, dass er gerne zu viel Schokolade isst. Eine Hilfe kann hier sein sich an Stereotypen zu orientieren, da diese mit deutlichen Stärken und Schwächen arbeiten. Ein gebildeter Mensch, der viel Zeit mit Büchern oder Computern verbringt, wird nicht auch noch die absolute Sportskanone sein. 
Ein kreativer Mensch begrenzt sich meist auf ein oder zwei Fachgebiete und Naturtalente sind eine wahre Seltenheit. Das soll natürlich nicht heißen, dass ein Charakter nicht mal zwei Bereiche abdecken kann, aber vermutlich wird er dann beides nie so gut beherrschen wie jemand, der sich nur auf einen Bereich konzentriert. (Ausnahmen gibt es natürlich immer.)
Ein weiterer Punkt sind die eigentlich nicht vorhandenen Nachteile. Textlich war hier schon die süße Tollpatschtigkeit erwähnt. Im Pen&Paper sind hier aber insbesondere diese Nachteile gemeint, die sich ausgesucht wurden, um mehr Vorteile zu erwerben, die aber schließlich keine Auswirkung auf das Spiel haben. Angst vor dem weitem Meer? Völlig banal, wenn sich die Gruppe auf ein Stadtabenteuer geeinigt hat. Absolut kein Charisma? Egal, wenn es sich mehrheitlich um Kämpfe drehen wird. Und so weiter. Ich möchte an dieser Stelle zwei Nachteile meiner Charaktere als Positivbeispiel zu nennen.
Meine Magierin in DSA hatte nur ein Auge und damit fielen viele Zauber schon mal flach, wenn sie nicht versehentlich ihre Gruppenmitglieder verletzen will. Geschweige denn, wenn sie überhaupt etwas trifft. Dieser Nachteil ergab sich damals von alleine, als ich eine Hintergrundgeschichte entwarf und er hatte merkliche spielerische Auswirkungen, die so manche Situation interessant gemacht haben.
Mein Nosferatu hat einen unglaublich schlechten Orientierungssinn. Diese Entscheidung traf ich aufgrund des PC-Spiels Vampire: The Masquerade – Bloodlines. Ich hatte mit meinem Nosferatu unglaubliche Schwierigkeiten mich in der Kanalisation zurechtzufinden und war genötigt, um nicht zu viel Zeit zu verplempern, mich an die Oberfläche zu wagen, und mit der Wand kuschelnd, schnellstmöglich vorbei zu huschen. Diese ungewollte Eigenschaft übernahm ich dann für meinen Pen&Paper-Charakter, mit deutlich schwierigeren Szenarien.

Das richtige Outfit

Ein weiterer Punkt sind bekleidungstechnische Nachteile. Sexy mit Absatzschuhen dem Bösewicht hinterher sprinten? Sehr unwahrscheinlich. 
Also, wenn ihr einen Text schreibt, überlegt euch vorher, ob die Kleidung den Charakter behindert. Knappe und sexy Kostüme mögen in erotischen Fantasien durchaus ihren Platz haben, aber in einem wirklichen Kampf, wird es massive Nachteile mit sich ziehen. Dasselbe gilt übrigens für Männer! Auch diese werfen sich manchmal in Kleidungsstücke, die wenig Sinn ergeben. Beachtet Gewicht, freiliegende Stellen und Schuhwerk ganz genau. 
Spielt ihr ein Pen&Paper, dann, lieber Spielleiter, sei so mutig und lass die Spieler ihre Kleidung und Ausrüstung spüren. Keine Bürste dabei? Tja, irgendwann sind die Haare wohl verfilzt und müssen ab. Der Ritter trägt gleich fünf Waffen bei sich? Der wird wohl ewig brauchen, überhaupt irgendwo anzukommen. 
Meine Kopfgeldjägerin in DSA trug zum Beispiel einen recht langen Mantel, der ihren Sprint behinderte. Ablegen war jedoch so eine Sache, da Frauen in der Gegend, in der das Abenteuer spielte, eher ungern gesehen wurden. Tarnung auffliegen lassen oder Gegner entkommen lassen? Eine Frage, die nicht unbedingt leicht zu beantworten war.

Der Allwissende

Der Charakter, der einfach alles weiß. Ja, Sherlock Holmes ist ein beliebter Charakter, aber jetzt stellt euch doch mal vor, ein Charakter weiß andauernd Sachen, die er noch gar nicht wissen kann. 
Er/sie kennt die Pläne des Bösen ohne ersichtlichen Grund, findet im Buch plötzlich die richtige Zeile, die alle Rätsel löst, entwickelt in dem Moment eine neue Technik, die den Tag rettet oder weiß immer haargenau, was in anderen Charakteren vorgeht, weil er/sie anscheint Gedanken lesen kann. ****, lasst eure Charakter doch einfach mal scheitern! Lasst sie blindlings in die Falle laufen, brecht ihnen die Knochen und ja, lasst sie notfalls auch mal sterben (ohne sie wiederzubeleben oder damit die Welt zu retten). 
Das Gleiche gilt übrigens für Pen&Paper-Charakter. Habt keine Angst davor, euren Charakter loszulassen! Lasst ihn ruhig als völligen Trottel mit dem Adligen sprechen oder riskiert eure Tarnung zu gefährden, um eurer Gruppe einen Vorteil zu verschaffen und hört auf, mit den anderen eure Punkte abzusprechen! Du hast nur wenige Punkte im Klettern? Wenn dein Charakter durch seine Äußerlichkeiten irgendwie der Annahme sein könnte, er könne es besser als die anderen, dann los. 
Und lasst euren Pen&Paper-Charakter ruhig einmal sterben! Natürlich sollt ihr nicht kopfüber in Lava springen, aber erwartet nicht immer die Rettung durch den Spielmeister. Seid bereit, euch für euer Team zu opfern! Ein Pen&Paper-Charakter darf ruhig einen epischen Tod erfahren, ein textlicher Charakter muss das nicht unbedingt.

Was tun mit perfekten Charakteren?

Und als Letztes: Was tun, wenn der perfekte Charakter vor einem steht? Findet ihr einen Text mit einer “Mary Sue”, dann liegt es an euch. Seichte Unterhaltungskost oder den Text weglegen. Viele Buchläden nehmen eine Rückgabe an oder lassen euch bereits im Laden lesen und eine Hose, die nicht passt, würdet ihr doch auch nicht behalten. 
Beim Pen&Paper sieht es schon anders aus. Fällt es dem Erschaffer selber auf? Korrigieren und experimentieren. Merkt es der Spielleiter rechtzeitig, kann er dem ganzen einen Riegel vorschieben. Doch manchmal schlüpfen sie dann doch durch. Dann gibt es nur eines, insbesondere wenn der Spieler hier keine Einsicht zeigt, und gestaltet die Vorteile zu Nachteilen um. Gemein, aber effektiv.

Was haltet ihr von perfekten Charakteren? Fallen euch einige besonders negativ oder positiv auf?

 

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Jasmin Dahler

Jasmin Dahler

Lebt in der Welt der Superhelden. Gut eigentlich in der Welt der Superschurken. Egal ob Comics, Games oder Filme, alles wird leidenschaftlich konsumiert.
Hauptthemen: Comics, Hörspiele, Games

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