Inspiration für Spielleiter: Crafting


Es gibt sie immer wieder: Spieler, die sich gerne auch als Handwerker versuchen wollen. Die meisten Regelwerke sind hier nicht ganz klar oder gar allzu kompliziert. Daher sind eigene Lösungen häufig sinnvoll.

Schon auf den ersten Blick ergeben sich Schwierigkeiten, die das Spielerlebnis für die anderen Spieler mindern können, wenn sich einer für den Weg des Handwerkers entscheidet: Wie viele Punkte muss der Charakter in sein Handwerk investieren? Ist er dann abseits vom Handwerk noch wirklich für die Gruppe nützlich? Wird ein Abenteurer und Handwerker nicht so schon zu mächtig? Was kann ein Handwerker mit recht weit gefassten Fähigkeiten wie Holzarbeiten machen? Was hat dann der Schreiner oder Bogner für einen Vorteil? Was macht man in der “Downtime”, während der Charakter mit der Herstellung beschäftigt ist und eigentlich sonst nicht agieren kann – abgesehen von Gesprächen vielleicht.

Tatsächlich erscheinen also handwerkliche Tätigkeiten im Rollenspiel wirklich äußerst kompliziert. Hinzu kommt, dass die Herstellung eines komplexeren Gegenstands schnell zu einer Würfelorgie werden könnte, die den anderen Spielern keinen Spaß macht.

Da in allen Systemen handwerkliche Fähigkeiten anders geregelt sind, versuche ich hier einige Ideen zu liefern, die möglichst vielseitig eingesetzt oder entsprechend umgemünzt werden können.

Schwierigkeit für die Herstellung

Besonders eingänglich finde ich hier das Grundprinzip von Numenera. Jeder Gegenstand bekommt eine Stufe zugeschrieben, die sowohl der Schwierigkeit als auch teilweise der Herstellungsdauer entspricht. Bei einem Gegenstandslevel von 4 müsste für das Gelingen mit einem W20 mindestens eine 12 gewürfelt werden. Fähigkeiten und Werkzeug machen das Erreichen des Ergebnisses einfacher. Auf das DSA-System umgemünzt könnte das bedeuten, dass ab einer bestimmten Stufe die Probe erschwert wird. Beispielsweise ist Stufe 3 ein “normaler” Gegenstand, ab 4 gibt es eine Erschwernis von 1 bis 3 Punkten, was dann mit jeder Stufe entsprechend ansteigt. Alles unter Stufe 3 wird vereinfacht, sodass beispielsweise auch ein Ungeübter recht einfach einen Holzpflock schnitzen könnte.

Bei diesem System solltet ihr euch vorher überlegen, welche Art von Gegenstand welcher Schwierigkeitsstufe entspricht. Je niedriger, desto eher schafft dies auch ein ungelernter Handwerker (z.B. eine nicht besonders aufwendig geformte Metallplatte, eine Schale aus Ton oder ein einfacher Holzspeer). Eine durchschnittliche Stufe sollte schon handwerkliche Fähigkeiten benötigen (z.B. ein Messer, eine Tasse oder eine Holzgabel) und höhere Stufen sollten auch wirklich nur geübten Leuten unter normalen Umständen zugänglich sein (z.B. ein Brustharnisch, ein Teeservice oder ein ganzes Möbelstück). Die höchsten Stufen sind dann besonders schönen oder epischen Stücken vorbehalten. So könnte beispielsweise ein begnadeter Schmied sogar ein einmaliges Schwert  oder der Schreinermeister einen besonders schön verzierten Tisch erschaffen.

Übrigens: Je nach Belieben könnt ihr für eine nicht geschaffte Probe gegebenenfalls statt eines komplett nutzlosen Stücks auch ein minderwertiges schaffen lassen. Dann wäre es eben doch nicht das epische und einmalige Schwert, sondern ein besonders schlecht verarbeitetes Exemplar – auch wenn der Schmied sicherlich darauf besteht, dass er etwas Einmaliges geschaffen hat.

Handwerk dauert und braucht Material

Kommen wir nun zur Zeit, die für die jeweiligen Stücke benötigt wird. Auch hier empfiehlt es sich, dass ihr euch vorher Gedanken macht. Orientiert euch aber auf jeden Fall an der Schwierigkeit der Gegenstände, sodass eine Holzarbeit der Stufe 3 auch wirklich aufwändiger ist und länger dauert als die Stufe 1. Bündelt aber dennoch die Zeiten, um euch so einen einfacheren Überblick zu verschaffen. So dauert vielleicht ein Gegenstand der Stufe 1 ungefähr 10 bis 60 Minuten, Stufe 2 benötigt dann 40 bis 120 Minuten, Stufe 3 beansprucht dann schon 90 bis 300 Minuten und so weiter. Irgendwann kommt ihr dann automatisch in den Bereich von mehreren Tagen und Wochen. Wählt aber dennoch am besten immer sich leicht überlappende Zeiträume, da es auch immer schlichte aber zeitaufwändigere Gegenstände gehobener Qualität gibt. Eine einfache Kerze zu ziehen mag nicht besonders schwierig zu sein, benötigt jedoch seine Zeit. Dagegen könnte eine schöne Schnitzerei nur rund 60 Minuten benötigen, ist aber nicht unbedingt einfach zu fertigen.

Zu guter Letzt solltet ihr auch immer überlegen, welche Rohstoffe, Werkzeuge und andere Ressourcen der Handwerker unbedingt benötigt und welche ihm die Arbeit leichter machen. Ohne eine scharfe Klinge lässt sich ein Stock nur schwer anspitzen, ein Messer wäre aber eigentlich besser als ein Beil. Das bedeutet eine Erschwernis für eine Klinge, die kein Messer ist und gegebenenfalls sogar eine Erleichterung für ein besonders nützliches Werkzeug wie ein Schnitzmesser. Dies könnt ihr für alle möglichen Arten ummünzen, seien es nun normales oder spezielles Schmiedefeuer, ein selbstgebastelter Aushilfslötkolben gegen ein Vorzeigemodell oder ein alter Computer im Vergleich zur neuesten Hard- und Software für die Programmierung. Rohstoffe, die beim Handwerk verbraucht werden, müsst ihr dann jeweils – am besten gemeinsam mit dem Spieler – für jeden Gegenstand festlegen, und dann auch nicht mehr ändern. Ein Beispiel: Wenn der Spieler für den ersten Versuch ein halbes Kilo Eisen benötigt, beim nächsten Mal aber 700 Gramm, dann stimmt irgendetwas nicht. Ausnahme: Der Spielercharakter hat die Bauweise optimiert und nun weniger Material benötigt, das grenzt aber schon an einen kritischen Erfolg.

Er baut und baut und baut…

Nachdem ihr nun also ein paar Ideen habt, wie ihr Handwerksfähigkeiten regeltechnisch umsetzen könnt, sodass sich die investierten Punkte lohnen, kommen wir zu den rollenspielerischen Aspekten und dem Funktionieren in der Gruppe.

Tatsächlich ist die Downzeit des Handwerkers ein gewisses Problem. Auch benötigt er in der Regel einen festen Arbeitsplatz, um seine Gegenstände herzustellen, was dann noch nicht einmal die Produktion auf Reisen ermöglicht. Dass gleichzeitig für alle anderen Spieler auch sonst nichts passiert, ist eigentlich auch selten eine Option. Daher müsst ihr euch einige Möglichkeiten zurechtlegen.

Eine Idee wäre es, dass die Arbeit gemeinsam verrichtet wird. Der Schmied fertigt die Eisenrüstung, der Schneider das dazu passende Untergewand und den Waffenrock, der Gerber fertigt Gürtel und Riemen an und der charismatische Charakter besorgt die Rohstoffe und handelt einen guten Preis heraus. Der Fünfte im Bunde, der leider eigentlich nichts beitragen kann, muss sich mit Aushilfsarbeiten begnügen.

Da aber wohl selten so große Gegenstände gefertigt werden und vor allem die ganze Gruppe aufeinander abgestimmte Fähigkeiten hat, ist diese Option nicht immer möglich. Eine einfachere Möglichkeit wäre es, die Herstellungszeit mit einer Gegebenheit außerhalb des Spiels zu koppeln. So kann der Handwerkerspieler entweder auf die Toilette gehen, schnell ein wichtiges Telefonat erledigen, die Pizza holen (oder ganz real das Essen zubereiten) oder sich anderen Aufgaben abseits des Spieltischs widmen. So kommt er dann zurück, die anderen Spieler konnten währenddessen ihre Besorgungen machen oder gar Rätsel lösen und der Gegenstand ist vielleicht dann schon fertig hergestellt.

Wenn euch das zu plump ist, könnt ihr eure Spieler eine Besprechung anberaumen lassen, währenddessen der Handwerker seine Arbeit verrichtet. Das passt jedoch nicht für jede Art: Bei Tätigkeiten, die besonders viel Konzentration beanspruchen oder viel Lärm machen, kann man wohl kaum mit einer Gesprächsbeteiligung des Handwerkers rechnen.

Ansonsten könnt ihr eventuelle Arbeiten auch zwischen Abenteuern stattfinden lassen. Dann würde der Spieler zum Ende der Sitzung oder Beginn der nächsten Runde sagen, was er gerne fertigen möchte. Nach einer Abstimmung, welche Ressourcen dafür notwendig sind und gegebenenfalls eingekauft werden müssen, kann der Spieler dann würfeln und hat Beginn des nächsten Abenteuers – gegebenenfalls auch Wochen später – seinen fertigen Gegenstand.

Sofern die oben genannten also nicht passen, habt ihr vielleicht noch weitere Ideen? Diese dürft ihr auch sehr gerne mit uns teilen.

Einkaufen? Ich stell das selber her!

Der letzte sehr wichtige Punkt ist das Balancing: Ihr müsst aufpassen, dass Handwerksfähigkeiten nicht zu mächtig werden oder Handwerker die Gruppe zu sehr aufhalten. Legt also am besten vorher fest, welche Gegenstände eure Spieler auf Reisen fertigen können und für welche sie eine Werkstatt oder ähnliches benötigen, die sie auch nicht in einem Gefährt mitnehmen können. Ein Hufschmied könnte beispielsweise zwar unterwegs Pferde beschlagen und gegebenenfalls auch die Hufeisen anpassen. Ein Rüstungsschmied wird sich aber schwer tun, ohne Amboss und das entsprechende Feuer mehr als kleine Ausbesserungsarbeiten vorzunehmen. Eine längere Herstellung muss jedoch in einer entsprechend ausgestatteten Werkstatt stattfinden und benötigt, wie oben beschrieben, seine Zeit. Eine klare Absprache zwischen Spielleitung und Spieler ist also unbedingt notwendig, ehe beide Seiten – und vielleicht sogar die Mitspieler – unzufrieden mit den Ergebnissen der Handwerksfähigkeiten sind.

Daneben müsst ihr noch genau abstecken, welche Gegenstände der Spieler überhaupt herstellen kann und wie er sich mit seinen Fähigkeiten vielleicht sogar spezialisiert hat. Mit der Fähigkeit Holzarbeiten ist sicherlich auch die Produktion von einfachen Pfeilen möglich, ein Bogner wird aber immer entweder bessere oder mehr Pfeile in der gleichen Zeit herstellen können. Außerdem sollte ein Automechaniker nicht gleich ein Auto bauen können, einem Waffenschmied aber die Herstellung eines Speers zu verwehren, nur weil dieser zum Teil aus Holz besteht, wäre auch nicht sinnvoll. Ihr solltet also auch hier individuell vorher Absprachen zwischen Spielleiter und Spieler treffen, sodass beide Seiten zufrieden sind.

Allen Spielern und der Spielleitung sollten außerdem klar sein, was sie mit ihrer Gruppe erleben möchten. Sollen es eher klassische Abenteuer sein, in denen die Helden durch das Land ziehen oder sich als Söldner anheuern lassen? Dann sind handwerkliche Fähigkeiten sicherlich eine gute Möglichkeit, eigene kleine Reparaturen vorzunehmen oder über mehrere Abenteuer hinweg einen nützlichen Gegenstand zu fertigen. Doch dieser Aspekt sollte nicht im Vordergrund stehen. Zeitgleich bekommt der Handwerker einen gewissen “Nachteil” auf andere Fähigkeiten, da er seine Punkte eben nicht in Kämpfen oder Klettern gesteckt hat, sondern in Schmiedearbeiten. Das sollte dem Spieler klar sein und entsprechend wird dann das Handwerk automatisch nicht ganz so sehr die Oberhand gewinnen.

Wollen die Spieler lieber eine feste Basis haben und von dort aus das Land erkunden oder gar erobern? Dann sind spezialisierte Handwerker sicherlich mehr als nützlich. Allerdings kommen dann andere Fähigkeiten deutlich kürzer und das muss sowohl dem Spieler als auch der Spielleitung klar sein. Jedoch könntet ihr hier auch einen richtigen Experten-Charakter zulassen, der sich auf zwei oder drei Gebiete spezialisiert hat. Dann wäre euer Schmied gleichzeitig ein starker Nahkämpfer oder der Schneider ein cleverer Stratege, der die Truppen im Kampf anleitet.

In einem derartigen Setting werden die Handwerksfähigkeiten teilweise sehr im Vordergrund stehen und auch einiges an Zeit beanspruchen. Dann könnt ihr aber eventuell einfach am Anfang oder Ende jeder Runde noch einige Minuten darauf verwenden, Gegenstände zu fertigen, eure Basis weiter auszubauen oder Truppen auszubilden. Diese Art von Setting wird aber sicherlich noch in einem eigenen Artikel detaillierter ausgearbeitet.

Wie geht ihr mit Handwerksfähigkeiten um? Nutzen eure Spieler überhaupt die Möglichkeit, selbst Gegenstände herzustellen oder zu reparieren? Eventuell habt ihr auch noch eine Frage zu diesem oder einem anderen Thema? Dann stellt sie uns. Glaubt mir, keine Frage ist dumm und ihr steht sicherlich niemals ganz alleine mit diesen Schwierigkeiten da.

Felix Mohring

Mit 11 Jahren aus Versehen in die Rollenspielrunde des großen Bruders gerutscht und seither nicht mehr von dem Hobby losgekommen. Gründer und Marketing-Äffchen, Moderator und Formatentwickler der NonPlayableCharacters.
Hauptthemen: Pen&Paper

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