Die Kai Krieger retten die Welt – schon wieder


Mit der Reihe Die neuen Kai-Krieger hat der Mantikore Verlag die legendären Abenteuerspielbücher rund um Der einsame Wolf wieder nach Deutschland zurückgebracht. So sehr ich Abenteuerspielbücher früher immer mochte, irgendwie werde ich mit diesem nicht ganz warm.

Es liegt aber nicht an dem Prinzip der Abenteuerspielbücher selbst, sondern vielmehr am Protagonisten, dessen Rolle ich als Leser übernommen habe. Aber eins nach dem anderen: Die Geschichte aus dem ersten Band wird fortgesetzt. Es gilt, möglichst unauffällig über den halben Kontinent zu reisen und den Mondstein seinen Erschaffern zurückzubringen, damit er nicht erneut in die Hände des Bösen fällt. Im zweiten Band Die Piraten von Shadaki gilt es – wie der Name schon andeutet – über das Meer möglichst unbeschadet ans Ziel zu gelangen. Dabei begegnete ich zahlreichen Gefahren, musste mich für den “richtigen” Weg entscheiden und hoffen, dass ich unterwegs die passenden Gegenstände mitgenommen habe.

Die Geschichte ist grundsätzlich relativ vorhersehbar und versorgt so ziemlich jedes typische Fantasyklischee. Wobei ich sagen muss, dass die Kreaturen, die die Autoren auf unseren Protagonisten loslassen, durchaus interessant, spannend und für mich zumindest neuartig sind. Die Welt bietet definitiv auch zahlreiche Möglichkeiten und mag zwar wie eine klassische Gut-Böse-Fantasy-Welt wirken, hat aber Potenzial für mehr. Ich bin gespannt, wie sich die Reihe weiterentwickeln wird.

Die übermächtigen Überhelden

Bedrohlich kommt das Cover daher, aber eigentlich kann einem Kaikrieger keiner wirklich was. (© Mantikore Verlag)

Nun aber mein größtes Problem, das mich auch schon im ersten Band gestört hat: der Protagonist. Der Orden der Kai-Krieger mag wie eine Gilde für besonders starke Krieger anmuten, ist aber noch viel mehr. Jeder Kai-Krieger kann es mit seiner Magie mindestens mit Harry Potter aufnehmen, besiegt im direkten Nahkampf zehn Ritter blind und auf einem Bein stehend, kann wochenlang mit nichts mehr als einem Zahnstocher in der Wildnis überleben und außerdem die Zukunft vorhersagen. Das mag nun vielleicht sehr überspitzt klingen, ist aber nur ein kleines bisschen übertrieben.

Ein Beispiel gefällig? Im Verlauf des Abenteuers sah ich mich einer brandschatzender Plünderer gegenüber, ich glaube, es waren acht oder zehn an der Zahl. Nach nur einer einzigen Kampfrunde lag der Abschaum zu den Füßen meines Kai-Kriegers. Ich finde es überhaupt schon bezeichnend, dass ein Kampf von vornherein auf eine so enorme Überzahl der Gegner ausgelegt sein muss, dass er überhaupt eines Kai-Kriegers würdig erscheint. Ja, ich hatte vermutlich auch etwas Glück bei der Probe, aber dann hätte es eben allenfalls zwei Kampfrunden gedauert.

Und auch außerhalb der Kämpfe tritt der Protagonist immer äußerst souverän und von sich und seinen Fähigkeiten total überzeugt auf. Er hat ja auch allen Grund dazu, schließlich ist er ein besserer Mensch als alle anderen, kann fast alles besser und hat übermächtige Fähigkeiten. In gewisser Weise könnt ihr euch als Superman in einem Fantasy-Setting vorstellen, der gleich einen ganzen Orden Supermänner hat – und Kryptonit hat bisher auch noch keiner gefunden.

Was ist also das Problem? Richtig, ich kann mich überhaupt nicht mit diesem überheblichen, übermächtigen, strahlenden Helden identifizieren. Durch seine schiere Überlegenheit allen anderen Normalsterblichen gegenüber werden die Proben und Kämpfe immer irrsinniger, damit man überhaupt eine Herausforderung andeuten kann. Ich werde einfach nicht warm mit diesem Kai Krieger-Konzept.

Ohne Kai-Krieger macht es Spaß

Aber das Schöne ist, dass mir vor allem das letzte Drittel des Buchs dennoch sehr viel Spaß gemacht hat. Denn wie auch schon im ersten Band durfte im hinteren Teil erneut ein weiteres Abenteuer stattfinden, das zwar irgendwie mit dem ersten Teil verknüpft scheint, aber überhaupt nichts mit unserem Überhelden zu tun hat. Dieses Mal schlüpfen wir in die Rolle einer so genannten neuen Hexe von Shadaki. Als eine von zwei Zwillingsschwestern mit magischen Talenten wurde die Protagonistin zu einer Agentin des Guten ausgebildet und nutzt nun die eigentlich finsteren Kräfte der Shadaki-Hexen für das Gute.

Allein schon der Fokus auf die Magie mit dem finsteren Ursprung bietet schon so viel mehr interessante Anknüpfungspunkte für die Protagonistin als der eigentliche Teil des Abenteuerspielbuchs. Es gilt hier mit schwachen Nahkampfeigenschaften und einer begrenzten magischen Kraft die Herausforderungen zu meistern und alle Ressourcen äußerst clever einzusetzen. Es sei aber gleich vorweg gesagt: Mit den richtigen am Anfang ausgewählten Fähigkeiten könnt ihr das Abenteuer relativ gut schaffen, solange ihr nicht ständig die falschen Entscheidungen trefft. Wenn ihr euch anfangs aber falsch entscheidet, kann das Abenteuer gehörig schief gehen.

Da ihr euch aber schon zu Beginn für einen von zwei Wegen entscheiden müsst, mit denen ihr das Abenteuer startet – und diese sich grundlegend unterscheiden – könnt ihr einen kleinen Einfluss darauf nehmen, welche Fähigkeiten ihr vermutlich braucht. Kleiner Tipp: Wenn ihr irgendetwas infiltrieren müsst, ist Gedanken- und Beeinflussungsmagie sinnvoll. Wenn ihr aber eher auf ein klassisches Entdeckerabenteuer steht, dann nutzt die Tierwelt zu euren Gunsten.

Ohne zu spoilern kann ich aber sagen, dass die zweite Geschichte mit etwas unerwarteteren Wendungen daherkommt und nicht ganz so vorhersehbar ist. Dennoch ist das nun im Storytelling auch kein Meisterwerk, macht aber allein schon aufgrund der teils mit sich selbst hadernden Protagonistin deutlich mehr Spaß.

Fazit

Alles in allem ist das Buch vor allem dank der zweiten Geschichte unterhaltsam. Ohne die Hexen würde ich das Ganze nur als Geschmackssache abtun: Jeder der übermächtige Helden steuern will, ist bei dem Abenteuerspielbuch gut aufgehoben, für alle anderen ist der zweite Teil gemacht.

Die neuen Kai Krieger 2: Die Piraten von Shadaki

Price: EUR 14,95

4.4 von 5 Sternen (5 customer reviews)

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Felix Mohring

Mit 11 Jahren aus Versehen in die Rollenspielrunde des großen Bruders gerutscht und seither nicht mehr von dem Hobby losgekommen. Gründer und Marketing-Äffchen, Moderator und Formatentwickler der NonPlayableCharacters.
Hauptthemen: Pen&Paper

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