Kontroversen im LARP – Teil 1: Von Pappnasen und nicht-ausgespielten Treffern


Selten wird das Gemüt des LARPers so erhitzt wie bei der Frage des “Ausspielens”. Sei es nun der Treffer eines Schlags oder der eines Schusses, der negiert wird: Bei der sogenannten “Pappnasigkeit” kennt er kein Pardon. Doch ist es wirklich immer so eindeutig?

Diese Diskussion zieht sich durch alle Settings und sämtliche Genres: Wann gilt eine Verletzung als genügend dargestellt und wie geht man mit Spielern um, die einen Treffer ignoriert haben? Auf den ersten Blick lassen sich in der Theorie Teilnehmer eines LARPs in dieser Hinsicht recht einfach in “gute Spieler” und “schlechte Spieler” unterteilen, doch so einfach ist es in der Realität dann doch nicht.

 

Der nicht-ausgespielte Treffer

Manchmal geht es so schnell. Ein leidenschaftlicher Schwertkampf, ein wildes NERF-Gefecht und statt des glorreichen Heldenmoments endet es mit Frust. Welcher LARPer hat noch nie ein Gespräch geführt, das die Worte “und dann hat er den Treffer einfach nicht ausgespielt” beeinhaltete? Bevor wir jedoch gar zu schnell die Keule der “Pappnasigkeit”, dem Stigma für schlechtes Rollenspiel schlechthin, schwingen, ist es oft sehr hilfreich, sich an die eigenen Momente zu erinnern, in denen ein Treffer nicht in einem Verletztenspiel endete.

 

… es einfach nicht gemerkt haben.

In einer Kampfsituation schüttet jeder von uns, je nach Persönlichkeit und Erfahrung, größere oder kleinere Menge Adrenalin aus. Innerhalb der Immersion eines LARPs erleben wir Momente, die sich in ihrer Intensität und ihrer Auswirkung auf unseren Körper und unsere Psyche nicht sehr von realen Bedrohungssituationen unterscheiden. Das Ergebnis lässt sich mit einem Gefühl “wie in Watte gepackt” beschreiben, wir nehmen unseren Körper anders wahr, spüren Treffer weniger intensiv, sind ganz auf unsere Aufgabe fokussiert und verlieren nicht selten vollkommen den Blick für alles Außerhalb. Manchmal kehren wir am Montag in unseren Alltag zurück und entdecken erst dann die vielen Kratzer und blauen Flecken, die sich plötzlich schmerzhaft bemerkbar machen und die uns zuvor nicht im geringsten bewusst waren.

Sicherlich sind es jene Momente, die uns an unserem Hobby reizen. Zugleich schaffen sie aber auch einen Nährboden für Missverständnisse und unnötigen Frust. Als Spieler, die gemeinsam erleben, hilft es, sich vor Augen zu führen, dass nicht jeder stets die Aufmerksamkeit und Gelassenheit aufbringen kann, sämtliche Eindrücke eines Kampfes aufzunehmen. Gerate ich an einen Kontrahenten, der Treffer von mir nicht ausspielt, wird es nicht selten der simplen Wahrheit geschuldet sein, dass er sie einfach nicht wahrgenommen hat. Ganz unabhängig davon, dass Rüstung und Kleidung Treffer tatsächlich schwer spürbar machen kann, muss es nicht immer Vorsatz sein. Das ist ärgerlich für alle Beteiligten, nicht zuletzt auch für den Betreffenden selber, denn im Zweifel entgeht ihm ein immersives Verletztenspiel, ohne das ich mir eine gelungene Con nicht vorstellen kann.

Der erste Weg als verärgerter Spieler sollte mich also zu meinem unwilligen Kampfpartner führen, um ihm meine Sicht der Dinge zu schildern. Nicht selten treffen wir auf verständige Gesprächspartner, die den Hinweis dankbar aufnehmen und sich vielleicht sogar entschuldigen. Am Ende ist es schöner, mit einem Handschlag auseinander zu gehen, als mit einem grummeligen Gefühl im Magen.

 

Vorschlag Nr. 1: Das Gespräch suchen.

 

… sich unfair behandelt fühlen.

Wir LARPer nehmen unser Hobby ernst, manchmal vielleicht sogar etwas zu ernst. Und da unsere Emotionen oft sehr echt sind, selbst wenn wir gerade spielen, geraten wir gar zu leicht in Kreisläufe, in die unsere Gefühle auch in der Realität nicht selten stolpern.

Nicht schmollen, Lösungen finden!

Es ist sehr schnell geschehen, dass wir uns so tief in unserer Immersion verloren haben, dass wir das Gespür für unser Gegenüber verlieren oder es uns sogar egal geworden ist, weil wir die Gefühlswelt unseres Charakter übernommen haben. Fühlt sich ein Spieler in einen Kampf gezwungen, empfindet er einen Konflikt als konstruiert, oder hat er vielleicht sogar das Gefühl, dass sein Kontrahent seinerseits auf seine Angriffe nicht angemessen reagiert, kann schnell Trotz aufkommen. Das Resultat kann eine schlechte Ausspielmoral sein.

Und schon befinden wir uns in einem Kreislauf, in dem beide Parteien sich unfair behandelt und betrogen fühlen. Aus einer schönen Kampfszene wird ein realer Konflikt, der nicht nur unangenehm anzusehen ist, sondern auch ganz und gar keinen Spaß mehr macht.

Distanz ist das Mittel der Wahl, wenn wir uns in der Realität in einem akuten Konflikt befinden und Distanz ist auch ein guter Weg, um einen Streitfall im LARP abklingen zu lassen. Es schadet nie, wenn wir unser eigenes Handeln kritisch hinterfragen und uns Gedanken darüber machen, wie eine so unangenehme Situation überhaupt entstehen konnte. Vielleicht gibt es ja sogar die Möglichkeit eine Spielleiter hinzuzuziehen und sich einen neutralen Blick auf die Situation einzuholen. Führen unsere Gedanken am Ende zu Vorschlag 1, einem Gesprächsangebot, umso besser. Wenn aber nicht, lernen wir zumindest für uns selbst daraus und ersparen uns vielleicht weitere derart negative Erfahrungen.

 

Vorschlag Nr. 2: Abstand einnehmen und “runterkühlen”.

 

… immer gewinnen wollen.

Und ja, natürlich gibt es sie: Die LARPer, die immer gewinnen wollen. Die selbsternannten Helden, die aus lauter Profilierungssucht Treffer nicht ausspielen und LARP nicht als Mannschaftssport, sondern als Einzeldisziplin verstehen. Meiner Erfahrung nach stellt dieser Typus aber nicht den Großteil der Spielerschaft und outet sich ohnehin mit der Zeit selbst. Wenn wir unser Bestes gegeben haben und uns nicht erklären können, wie ein Konflikt hochkochen konnte und wenn selbst ein freundlicher Handreich nichts bringt, dann tun wir uns selbst nur einen Gefallen, wenn wir das Spiel und den IT-Konflikt mit entsprechender Person meiden. Dabei sollten wir uns jedoch auf unsere eigenen Erfahrungen verlassen und nicht zu viel auf den “Buschfunk” geben, denn die Gerüchteküche der LARPer entwickelt gar zu schnell ein gewaltiges Eigenleben, das so manchem Spieler schon Unrecht getan hat.

 

Vorschlag Nr. 3: Du musst nicht mit Jedem spielen.

 

Grundsätzlich fahre ich seit Jahren am besten damit, erst einmal davon auszugehen, dass mein IT-Kontrahent mein OT-Mitspieler ist. Ich sehe in ihm einen Menschen, der – genau wie ich – eine schöne Zeit verbringen und kleine Heldenmomente erleben will. Zum Erleben gehören Emotionen und diese sind per se nicht immer positiv. Doch ich bin überzeugt davon, dass ich aus jeder scheinbaren “Pappnasigkeit” etwas lernen kann und habe mir schon viel Magengrummeln erspart, indem ich diese drei Vorschläge befolgt habe.

 

Habt ihr auch schon einmal einen Treffer nicht ausgespielt? Aus welchem Grund kann sowas passieren und habt ihr auch Strategien mit diesem Problemfeld umzugehen? Lasst uns diskutieren, denn ich finde, wir sprechen viel zu oft über- und nicht miteinander.

 

Mein nächstes Thema in Kontroversen im LARP: Von Pappnasen und Charaktertod

Kerstin Lohmer

Kerstin Lohmer

Wurde irgendwann mal 14 und blieb dabei. Rollenspielerin seit sie denken kann und auf beiden Seiten des Tisches anzutreffen. LARPerin und Teilzeit-Nerd.
Hauptthemen: Pen & Paper und LARP

Gefällt dir der Artikel? Dann teile ihn mit deinen Freunden