Resistopia 2017: Brief an einen Fremden – Teil 1


Du kennst mich nicht und vielleicht wirst du mich nie kennenlernen, und trotzdem will ich dir meine Geschichte erzählen. Ich werde diesen Brief am äußersten Rand der Front, dem weitesten Punkt außerhalb der BE13, den ich erreichen kann, verstecken, in der Hoffnung, dass du ihn irgendwann wirst lesen können. In der Hoffnung, dass es eine Zukunft gibt, in der es noch Menschen gibt, die ihn finden.

Mein Name ist Katarzyna Szopka, aber die Überlebenden nennen mich hier alle Kate. Bevor “sie” gekommen sind, um uns zu vernichten und uns unsere Heimat, die Erde, streitig zu machen, war ich im Feuerwehrdienst für die Stadt Köln tätig. Eine Stadt, die heute praktisch dem Erdboden gleichgemacht ist. Mit drei Kameraden schlug ich mich, nachdem wir unserer Pflicht, unseren Nächsten zu helfen, so lange wie möglich nachgekommen waren, zu diesem schrecklichen Ort vor den Toren Berlins durch.

Das Symbol der Resistance.

Wir schlossen uns der Resistance an, denn es blieb uns nur die Wahl, uns in den unteren Ebenen dieser gigantischen Anlage namens BE13 zu verstecken, oder uns einen Platz unter den kämpfenden Truppen zu suchen. Die BE13 ist die wichtigste Bastion der verbliebenen Menschheit und die größte Hoffnung, “sie” irgendwann besiegen zu können. Die Resistance ist unser aller Lebenszweck geworden, denn ohne sie gäbe es heute wohl kein menschliches Leben mehr… Einst waren wir alle Zivilisten, doch nun sind wir alle Soldaten und nur wenige Wochen nach der Invasion fühlte sich das Gewehr nicht mehr fremd in der Hand an. An sein Gewicht kann man sich gewöhnen, an die Schreie der Verwundeten, das verzweifelte Schluchzen der Überlebenden und den Geruch von Blut gewöhnt man sich jedoch wohl nie…

Ich möchte dir von den letzten drei Tagen erzählen, von Tagen, die das Feuer der Zuversicht erst fast erstickt haben und uns dann in neuer Hoffnung aufatmen ließen.

Das sind wir, die Underdogs.

In der Nacht vor drei Tagen erwarteten wir eine Nachschublieferung; Vorräte, Material, Kämpfer bzw. Fighter, wie sie innerhalb der Resistance genannt werden. Die Lieferung verspätete sich und wir, die Underdogs – jener Fighter-Trupp, dem sich meine Kameraden und ich angeschlossen haben – wurden gemeinsam mit anderen Trupps ins Feld geschickt, um sie “nach Hause” zu holen. Ein weiterer Einsatz nach ein längeren Phase der Ruhe. Die Präsenz der Fakes war groß und wir wussten augenblicklich, als wir das grüne Leuchten ihrer Adern in so großer Anzahl im Dunkel der Nacht sahen, dass uns nun eine weitere Zeit der verstärkten Angriffe und verbitterten Kämpfe bevorstehen würde.

Ja, wir nennen sie Fakes. Es waren Menschen, doch sie wurden von einer Art Parasit befallen, der die Kontrolle über unsere Toten übernehmen kann und unsere eigenen Brüder und Schwestern gnadenlos gegen uns einsetzt. Wir wissen zwar dank der unermüdlichen Arbeit der Wissenschaftler der Forschung schon einiges über “sie”. Aber noch lange nicht genug. Man gab ihnen den Namen Greys. Nur selten ziehen sie selbst in die Schlacht und wenn, dann demonstrieren sie eine Überlegenheit, die nicht zu beherrschen ist. Lieber jedoch verfüttern sie unsere eigenen Spezies an das Feuer unserer Gewehre und Pistolen. Die Grausamkeit dieses Faktums ist nicht in Worte zu fassen.

Die Fakes können wir verletzten. Selbst die sogenannten Jugger – hoch gerüstete Gegner, die nur durch konzentriertes Feuer niederzuringen sind –  sind verwundbar. Doch Schmerz hat keine Bedeutung mehr für sie. Wo uns eine einzige Kugel kampfunfähig machen kann, feuern sie selbst dann weiter auf uns, wenn ihre Arme und Beine durchsiebt sind. Der einzige Weg ist, den besetzten Körper so stark zu zerstören, dass er nicht mehr brauchbar für sie ist. Der wundeste Punkt ist das Rückgrat, doch den Rücken wenden sie einem nur selten zu.

Wir sind wenige und sie sind viele; und mit jedem Toten auf unserer Seite schwenkt die Waagschale mehr zu ihren Gunsten. Doch auch wir haben gelernt. Auf Grundlage der Technologie der Fakes wurden Hilfsmittel entwickelt, die uns kleine Vorteile verschaffen. Allen voran das Medifoam, ein auf Nanotechnologie basierendes Mittel zur Erstversorgung, das in der Lage ist, Wunden zügig zu heilen, Blutungen zu stoppen und Verletzungen, die uns sonst tage- wenn nicht wochenlang außer Gefecht setzen würden, schnell zu versorgen.

Auch als Medic kannst du nicht jeden retten…ohne das Medifoam schon gar nicht. (Foto: Moritz Jendral)

Ich werde als Combat Medic eingesetzt. Auch wenn ich dankbar für dieses Werkzeug bin, macht es mir ein wenig Angst. Wer weiß schon, was diese Technologie einer außerirdischen Rasse auf Dauer mit uns anrichtet? Die meisten von uns wären heute nicht mehr am Leben, gäbe es dieses Wundermittel nicht, das wir zwar nutzen, aber wohl dennoch nicht vollkommen verstehen. Wir kämpfen, wir bluten, wir kämpfen weiter. In der BE13 ist das Leben hart und schwer, doch noch schwerer ist es, hier zu sterben.

Vom Zeitpunkt der Rettung der Nachschublieferung an nahm die Drohnenüberwachung zu. Die Greys wissen nicht, wo genau unsere Basis liegt, ein großer Teil ist tief unter der Erde versteckt. Wüssten sie es, hätten sie uns sicherlich längst in einem Bombenhagel untergehen lassen. Wir sind in der Lage, ihre Drohnen zu orten. Wenn sie uns überfliegen, fahren sämtliche Funktionen in den sogenannten “Silent Modus” runter, wir verhalten uns dann alle still, kauern in der Dunkelheit und lauschen furchtsam dem Summen des Drohnenantriebs. Ich vermute, sie ahnen, wo sie uns suchen müssen. Mehrfach wurden wir von Ausläufern der Flächenbombardements getroffen. Dadurch gab es sogar immer wieder in der Basis Verletzte. Die Schlinge zieht sich langsam zu, es wird eng für die Menschheit.

Das CIC, das zentrale Kontrollzentrum der Resistance, schickte uns beinahe im Stundentakt in Einsätze. Wir waren ständig auf der Jagd nach versprengten Bauteilen und technischen Komponenten, welche die Greys im Chaos des Krieges zurücklassen müssen, deren Funktion ich nicht verstehe, die aber für unsere Forschung und Technik von Bedeutung sind. Sie suchen nach dem ausschlaggebenden Vorteil, der uns weiter durchhalten lässt. Von einem Sieg wagt derzeit noch keiner zu träumen.

Wer es in die Basis-Medizin schafft, hat gute Chancen. (Foto: Moritz Jendral)

Am zweiten Tag wurden wir am späten Morgen zu einer Rettungsmission geschickt. Da wir vier sehr gut ausgebildete Medics in unseren Reihen haben, bieten sich derartige Einsätze für uns an. Unsere Informationen waren unzureichend, auf gut Glück arbeiteten wir uns zum Zielgebiet durch und wurden von einer großen Zahl Fakes in Empfang genommen. Inmitten des Kugelhagels lagen vier Verletzte am Boden, zwei davon kaum oder nicht mehr ansprechbar. Die Fighter gaben uns bestmöglich Deckung, während ich mich mit den anderen Combat Medics zu den Verwundeten durcharbeitete. Wir behandelten sie so gut wir konnten, legten sogar noch Infusionen an, um ihre Chancen zumindest ein wenig zu erhöhen, und schleppten sie unter starkem Beschuss in Richtung Basis. Wir alle trugen größere oder kleinere Verletzungen davon, doch mit viel Glück schafften wir es ohne Verluste zurück zur BE13.

Die Verwundeten konnten allesamt gerettet werden. Ein kleiner Sieg, der uns aber die Welt bedeutet. Im Nachgang erfuhren wir von den Warthogs, zu denen die Geretteten gehören, dass zwei Trupps, die selbst auf dem Rückzug von anderen Einsätzen waren, an den Verletzten vorbeigegangen waren, sie einfach zurückließen. Der zweite Trupp zog dabei noch einen Schwarm Fakes hinter sich her, der uns letztlich die Rettungsmission so stark erschwert hatte. Dies ist ein weiteres Problem, das uns diesen Krieg so unmöglich zu gewinnen erscheinen lässt. Die Moral lässt stetig nach. Manchmal scheint es mir, als sei nur der härteste und schlechteste Teil der Menschheit in der Lage gewesen, die erste Angriffswelle der Grey zu überleben.

Die BE13: Überfüllt, laut, aber wenigstens voller Leben. (Foto: Moritz Jendral)

Wir sind umgeben von Kriminellen, Ganoven und Psychopathen. Da sind zum Beispiel die R.E.D., ehemalige Schwerverbrecher, die mit der Auflage freigelassen wurden, sich der Resistance anzuschließen. Oder die Angry Beards, ein verrohter Haufen von Schlägern, die immer wieder auch innerhalb der Basis für Ärger sorgen. Die Basis-Sicherheit hat ständig alle Hände voll zu tun, die Bewohner davon abzuhalten, sich gegenseitig an die Gurgel zu springen. Viele Fighter wirken, als hätten sie auf den Krieg nur gewartet, so zufrieden und scheinbar furchtlos ziehen sie in die Schlacht… als wäre es nicht von Bedeutung, dass Millionen von Menschen bereits ihr Leben gelassen haben.

Wir versuchen uns mit den Fightern gut zu stellen , die wie wir nur versuchen, ihren Beitrag zum Überleben zu leisten – jene, die noch Moral und Menschlichkeit kennen. Da wären die Kammerjäger, die neu in der BE13 sind und anscheinend von der BE07 geschickt wurden. Oder die Warthogs, die zwar einiges an internen Problemen zu haben scheinen, aber auch das Leben des Einzelnen zu würdigen wissen. Natürlich neigen wir dadurch zu schwierigen, wahrscheinlich manchmal auch dummen Entscheidungen. Doch wie viel Mensch sind wir noch, wenn wir uns gegenseitig zurücklassen, wenn wir die Mission über die Barmherzigkeit stellen? Was bleibt dann noch, das es Wert wäre, gerettet zu werden?

Fortsetzung folgt…


Das Resistopia 2017 fand vom 7. bis 10. September 2017 auf der ehemaligen sowjetischen Militärbasis in Mahlwinkel, Sachsen-Anhalt, statt.  Informationen zum Event findet ihr unter www.lost-ideas.com oder auf Facebook.

Kerstin Lohmer

Kerstin Lohmer

Wurde irgendwann mal 14 und blieb dabei. Rollenspielerin seit sie denken kann und auf beiden Seiten des Tisches anzutreffen. LARPerin und Teilzeit-Nerd.
Hauptthemen: Pen & Paper und LARP

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