Resistopia 2017: Brief an einen Fremden – Teil 2


Am Nachmittag zogen wir mit einem großen Truppenaufgebot zum entlegensten Winkel der Front. Die Technik musste zwei Sendetürme errichten, mitten im Feindesland. Jeder Trupp sicherte ein Gebäude und sein Umfeld, um einen schützenden Kreis um die Techniker zu ziehen, die Zeit brauchten, um ihre Arbeit zu ereledigen. Der Befehl lautete: Unser Einsatzgebiet 30 Minuten halten. 30 Minuten können sehr lang sein. Auch wenn wir zu dem Zeitpunkt keinen Feindkontakt hatten, hielten uns die Schreie und Schüsse von den Zonen anderer Trupps in Atem.

[Teil 1 findet ihr hier: Resistopia 2017: Brief an einen Fremden – Teil 1 ]

Wir kämpfen um Trümmer und träumen vom Neuanfang. (Foto: Moritz Jendral)

Als der erste Turm errichtet war, folgten wir dem Befehl, das nächste Gebäude einzunehmen, das zum Aufbau des zweiten Turm gesichert werden sollte. Doch so weit kamen wir nicht. Auf dem Weg liefen wir einem Großaufgebot Fakes mit Unterstützung eines Juggers in die Arme. Diesen konnten wir zwar ausschalten, doch im Laufe des Gefechts blieb einer unserer Corporals verletzt in einem Gebäude eingeschlossen. Die Underdogs lassen nie jemanden zurück!

Wir selbst waren nur zu dritt, der Rest von uns versprengt. Und dennoch beschlossen wir, unseren Kameraden und Freund trotz starken Widerstandes der Fakes herauszuholen. Dabei trafen wir auf drei Soldaten der T.A.O., einer mit Nanotechnologie modifizierten Spezialeinheit. Einer von ihnen fragte seinen Befehlshaber, ob man uns unterstützen sollte. Er ließ uns aber mit den Worten “die schaffen das schon” zurück. Eine fatale Fehleinschätzung. Es gelang uns zwar in das Gebäude einzudringen und ohne es zu wissen, kämpfte sich eine andere versprengte Gruppe unserer Leute von der anderen Seite vor, doch kaum hatten wir den Verwundeten erreicht, wurden wir von einer Überzahl Fakes eingekreist. Minutenlang hielten wir dem Beschuss stand, einer nach dem anderen von uns ging verletzt zu Boden und verzweifelt versuchten wir Medics sie am Leben zu halten. Als wir alle nicht mehr daran geglaubt hatten, konnten wir den letzten Fake niederringen.

Wir waren dann zu neunt, doch nur zwei von uns waren noch in der Lage, ihre Waffe zu halten. Ich selbst hatte meinen gesamten Vorrat Medifoam für meine Kameraden aufgebraucht. Meine Schulter war mehrfach getroffen und nicht alle Kugeln waren wieder ausgetreten. Ich blutete und wusste, ich würde nicht mehr lange aufrecht stehen können. Das galt auch für die anderen Dogs. Wir hatten mehrfach nach Hilfe gefunkt, doch obwohl das CIC uns zwei Trupps zur Rettung geschickt hatte, war keiner von ihnen in der Lage gewesen, zu uns durchzudringen. So stark war die Konzentration der Feinde in dem Gebiet.

In den Rucksack eines Medics passt viel – vor allem Hoffnung.

Wir hatten die Wahl: Entweder wir würden in den Trümmern des Hauses mitten im Feindesland zu Grunde gehen oder wir mussten es wagen, das komplette Gebiet in Richtung Basis zu überqueren, ohne uns unserer Haut erwehren zu können. Wie ein geprügelter Haufen Hunden schlichen die Underdogs durch den Wald, wir versuchten, die Wege zu meiden und hielten uns stets in Deckung. Auf den letzten Metern verlor ich das Bewusstsein und erwachte in der Basis Medizin, die meine Schulter behandelte. Umgeben war ich von verletzten Dogs, die beinahe die gesamte Belegschaft beschäftigt hielten. Wir hatten alle überlebt, wenn auch knapp.

Ich konfrontierte den Befehlshaber Engelhart der T.A.O. mit dem Vorwurf, uns zurückgelassen zu haben und mitverantwortlich zu sein für die Katastrophe, die uns ereilt hatte. Nach einem Wortgefecht akzeptierte er schließlich seine Verantwortung … und entschuldigte sich. Manchmal ist es eine so kleine, unbedeutend scheinende Geste, die den größten Unterschied macht. Ich bin ihm sehr dankbar dafür und die anderen Dogs sind es auch.

Ich gehöre zu den wenigen Glücklichen, die den wichtigsten Menschen in ihrem Leben nicht durch die Invasion verloren hat. Thomas gehörte zu meinen Kameraden, die sich mit mir den ganzen Weg aus Köln zur BE13 durchgekämpft haben und er ist nun schon seit neun Jahren mein Partner. Der Krieg schweißte uns nur fester zusammen. Bereits vor einiger Zeit, nach einem schweren Gefecht, das wir kaum lebend verlassen konnten, beschlossen wir zu heiraten. Diese Entscheidung mag im Krieg vielleicht unnötig wirken, doch das Council of Humanity, die Organisation, die sich um sämtliche zivile Belange und insbesondere die Truppenmoral kümmert, bestärkte uns, dass es eine gute, eine hoffnungbringende Entscheidung ist. Meine Mutter, von der ich nicht weiß, was aus ihr geworden ist, hatte sich immer eine Hochzeit für mich gewünscht.

So lange wir Menschen noch lieben, gibt es Hoffnung.

Wir entschieden uns für eine ökumenische Trauung. Dies sollte ein Zeichen setzen, dass Konfessionen uns nicht trennen sollen. Der Pfarrer und der Priester hielten eine rührende, wahrlich wunderbare Trauung ab. Unter den Augen der Underdogs, Gästen der T.A.O., Vertretern anderer Trupps und der Humanity gaben wir uns das Ja-Wort. Ich lege dir, der du das liest, Fotos von dem Tag dazu. Wir sind noch Menschen. Auch wenn wir kämpfen, töten, manchmal vergessen, was Moral und Güte ist, sind wir weiterhin Menschen. Denn so lange wir noch lieben, so lange bleibt noch Hoffnung, oder?

Nach der Trauung ging es für uns sofort wieder in den nächsten Einsatz, dieses Mal als medizinische Unterstützung für die T.A.O. Wir blieben bis kurz vor dem Lockdown, der täglich um 3 Uhr stattfindet und bei dem der Eingang zur Basis unwiderruflich verschlossen wird und sämtliche Basisfunktionen heruntergefahren werden, im Feld. Ganz knapp gelang es uns, die Basis rechtzeitig zu erreichen. Das ist unser Leben … jeder überlebte Tag ist ein Gewinn.

Der dritte Tag, von dem ich dir erzählen will, war der Tag, der uns allen Hoffnung gab. Von morgens an war ich mit meinem Trupp oder als Combat Medic für andere Trupps im Einsatz. Die Missionen verliefen erstaunlich gut, erstaunlich verlustfrei, wenn auch bei Weitem nicht immer erfolgreich, was unsere Missionsziele anging. Gegen Nachmittag wurden dann sämtliche Truppen gesammelt. Eine Großoffensive. Unser Trupp wurde als erstes ins Feld geschickt, um das Zielgebiet um das als Gebäude 23 definierte Haus aufzuklären. Wir teilten uns, wie üblich, in Team Alpha und Bravo. Während Alpha direkt zum Gebäude vorstieß, schlugen wir uns durch den Wald zur Rückseite, um im Notfall von hinten Unterstützung leisten zu können. Doch als wir ankamen, wurden wir augenblicklich von einer gigantischen Übermacht Fakes zurückgeschlagen.

Kurz vor der Basis stießen wir auf Team Alpha. Die Fighter waren teilweise schwer verletzt, einer von unseren Männern war von einem Schuss ins Auge niedergestreckt worden. Er lebte noch und der Anblick des zerstörten Gewebes in seiner Augenhöhle raubte mir fast den Verstand. Als er seinen ersten Atemstillstand erlitt, konnte ich ihn erfolgreich reanimieren, doch wir waren weiterhin allein im ganzen Feld. Wir kauerten in der Deckung, nicht fähig uns alleine mit den Verletzten zur Basis durchzuschlagen und nicht gewillt, sie zurückzulassen.

Ihre Technologie tötet uns, doch sie könnte auch unsere Rettung sein. (Foto: Moritz Jendral)

Irgendwann stießen nachrückende Trupps auf uns und endlich konnten wir die Verletzten in Richtung Basis transportieren. Vor Gebäude 1, dem Durchgang zur Schleuse, trafen wir auf die Basis Medizin, die uns hinein schickte. Wir trugen den Schwerverletzten im Laufschritt weiter, doch niemand, kein Arzt, kein Field Medic der BM nahm uns in Empfang, sodass wir bis zur Schleuse und dann bis zur Basis Medizin selbst durchliefen, wo uns ein Arzt entgegen eilte. Er sagte, dass sämtliches Material ins Feld genommen wurde, um ein vorgezogenes Lazarett zu errichten. Wir überließen unseren Mann seiner Obhut, beinahe in der Gewissheit, ihn nicht wieder lebend zu Gesicht zu bekommen.

Was darauf folgte war ein langer Abend und eine lange, blutgeschwängerte Nacht. Irgendwann schafften es unsere Truppen, das Gebäude 23 einzunehmen, in dem das Lazarett aufgebaut wurde. Während ein Teil der Kräfte das Gebäude sicherte, schlug sich der größere Teil bis zu einem schwer umkämpften Gebiet durch, in dem eine abgestürzte Drohne vermutet wurde, die geborgen werden sollte. Und plötzlich standen wir, Team Bravo, in der ersten Reihe. Vor uns ein apokalyptisches Bild des Schreckens. Ein Gebäude brannte lichterloh, davor lag die abgestürzte Drohne, noch immer wild blinkend und helle Lichtstrahlen in den Himmel sendend. Einen letzten Angriff der Fakes mussten wir gemeinsam mit den anderen Trupps zurückschlagen, dann konnten wir das verfluchte Gerät endlich bergen. Wir eskortieren das Fundstück zuerst zu Gebäude 23 und dann zurück zur Basis. Die Technik ließ in derselben Nacht noch verlautbaren, dass uns durch die Bergung der Drohne ein großer Sieg gelungen sei. Ich weiß nicht, inwiefern uns die geborgene Technologie weiterhelfen wird, aber ich habe Vertrauen – Vertrauen in die Forschung und Technik, Vertrauen in die Resistance.

Zurück in der Basis stellten wir fest, dass wie durch ein Wunder unser schwer verletzter Dog überlebt hatte. Die Kugel war zwar ins Auge eingetreten, aber auch direkt an der Seite der Augenhöhle wieder ausgetreten. Dr. Seyfried, dem Arzt, der ihn gerettet hatte, sind wir unendlich dankbar. Und der Überlebende? Ihn nennen wir von nun an nur noch Lucky Bastard.

Die letzten drei Tage brachten mich, uns alle, an den Rand dessen, was wir zu leisten und zu ertragen in der Lage waren. Doch heute schreibe ich diesen Brief in der lebendigen Hoffnung auf ein Morgen. Wenn du ihn lesen kannst, wenn du da bist, dann waren all unsere Opfer nicht vergebens. Der Lockdown steht kurz bevor, bald gehen alle Lichter in der BE13 aus. Morgen werde ich den Brief irgendwo da draußen verstecken, wo du ihn hoffentlich finden wirst. Und bis es soweit ist, so lange werden wir weiter durchhalten.

Eat. Sleep. Resist. Repeat.
Corporal Katarzyna “Kate” Szopka

 

 

Das Resistopia 2017 fand vom 7. bis 10. September 2017 auf der ehemaligen sowjetischen Militärbasis in Mahlwinkel, Sachsen-Anhalt, statt.  Informationen zum Event findet ihr unter www.lost-ideas.com oder auf Facebook.

Kerstin Lohmer

Kerstin Lohmer

Wurde irgendwann mal 14 und blieb dabei. Rollenspielerin seit sie denken kann und auf beiden Seiten des Tisches anzutreffen. LARPerin und Teilzeit-Nerd.
Hauptthemen: Pen & Paper und LARP

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