Erotik am Spieltisch – Unfreiwillige Erfahrungen?


Sex gehört zu den Themen, an denen man heutzutage gar nicht vorbeikommt. Sei es durch Kunst, Werbung oder der guten Freundin, die einem nach zwei Bieren ihre neusten Erlebnisse mitteilen möchte. Auch in mancher Pen and Paper Gruppe gehört das Thema Sex mit zum Spielerlebnis. Und darum soll es heute gehen.

 

Jasmin: Stolpersteine gibt es überall

Ich habe im Laufe meiner Pen and Paper Zeit in unterschiedlichsten Gruppen mit unterschiedlichen Menschen und Settings gespielt. Während meiner ersten Spielrunden-Erfahrungen wurde das Thema Sex einfach ausgeklammert. Tatsächlich wurde ich mit dem Thema erst im Alter von 20 Jahren relativ plötzlich konfrontiert.

Wir spielten ein DSA-Kaufabenteuer und ich verkörperte eine Kopfgeldjägerin. Es war schon recht spät und das Abenteuer klang nach erfolgreichem Missionsabschluss aus. Aus Dank veranstalteten die Bewohner des Ortes ein Fest, auf dem meine Kopfgeldjägerin mit der hübschen Wirtstochter nach und nach intime Zärtlichkeiten austauschte. Unser Spielleiter beschränkte die Informationen hierzu auf das Nötigste, so dass es mir möglich war, bei einem erneuten Zusammentreffen mit der jungen Maid entsprechend zu reagieren. Für mich eine gelungene Umsetzung, denn ohne vorherige Absprache hätte es mich eventuell aus dem Konzept gebracht, hätte mich unser eindeutig männlicher Spielleiter in Form des NPCs plötzlich als holde Jungfer umgarnt.

 

Doch mein Spielerfahrungen liefen nicht immer so glimpflich ab und tatsächlich stieß ich bereits zweimal an meine Grenzen. Im Nachhinein kamen mir zwar einige elegantere Lösungen in den Sinn, doch in dem jeweiligen Moment stand ich vor schier unüberwindbaren Hürden, sodass ich euch zunächst von diesen zwei Erfahrungen berichten möchte.

Und nein, ich werde euch keine Lösung bieten. Dies wird mein Kollege Thorsten später übernehmen. Der Austausch über Probleme kann sehr bereichernd sein und als Außenstehende(r) sieht man so viel mehr als man selbst. Natürlich sind auch Ratschläge der Leser und Leserinnen immer herzlich willkommen.

 

Kaufabenteuer: Erste Gedanken

Auch in Fantasywelten gibt es viel nackte Haut. (© ErementalSoul)

Wir spielten zu viert (und später auch zu fünft) relativ regelmäßig DSA. Dabei wechselten wir für einige One Shots den Spielleiter, um unseren Haupt-Spielleiter die Freude zu gönnen, auch mal als Spieler die Pläne des Erzählers über den Haufen zu werfen.

Wir nutzten dafür auch hin und wieder Kaufabenteuer, da mir durch einen Freund eine recht große Sammlung zur freien Verfügung stand. Darunter war auch ein Abenteuer, welches mich zumindest im ersten Moment mit seinem Setting reizte. Eine Orgie sollte es sein und ich fragte meine männlichen Kollegen, ob sie Lust hätten, das Kaufabenteuer auszuprobieren. Die unbefängliche Antwort: “Klar, warum nicht.”

Doch was sich im ersten Moment eigentlich lustig anhörte, stellte mich dann doch vor das eine oder andere Problem.

1. Anflirten: Als Spielleiter würde ich den einen oder anderen Spieler als NPC anflirten. Während ich mir bei einigen sicher sein konnte, dass sie das klar vom realen Leben unterscheiden konnten, war ich mir da bei den anderen nicht so sicher. Und dann gab es da natürlich noch die Person, die das Ganze vermutlich lieber ins Lächerliche zog. Sollte ich nur mit denen flirten, bei den ich mir sicher sein konnte, dass das auch funktionierte? Wäre es unfair den Anderen gegenüber?

2. Der Abenteuer-Leitfaden erteilte mir den Ratschlag, die Orgie humoristisch aufzuziehen. Da das restliche Konzept jedoch recht düster gestaltet war, erschien mir das doch ein wenig merkwürdig. Es ist doch recht schwer, eine Stimmung aufzubauen, diese dann durchgehend mit Humor zu unterstreichen; sobald das Thema Sex auf den Tisch kommt, war für mich ein Akt der Unmöglichkeit. Ich wusste, dass wir in der Gruppe den einen oder anderen Abschweifer hatten, der sich dann an diesen humoristischen Passagen aufhängen würde und den restlichen Abend nicht wieder in die düstere Grundstimmung zurückkehren konnte. Doch wie kann man das Thema Sex von NPCs auf einer Orgie auflockern, ohne es gleich humoristisch zu machen?

3. Sicherlich würde sich der eine oder andere Spieler doch dazu hinreißen lassen, selbst ein verlockendes Nachtlager mit einem NPC zu teilen. Würfeln, erzählerisch ausspielen, oder doch lieber schweigen? Dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. Würfeln kam für mich nicht in Frage. Dafür gibt es meiner Meinung nach in Rollenspielen schon viel zu oft Würfelorgien. Die Storytelling-Version liegt nicht jedem. Insbesondere wenn es um Erotik oder Sex geht. Also die Spieler fragen. Ergebnis: Jeder wollte es gerne anders: Würfeln (auch auf Verhütung und Schwangerschaft), detailliertes Storytelling, komplettes Ausblenden. Wie findet man nun den richtigen Mittelweg oder sollte man je nach Spieler anders damit umgehen?

 

Für mich war damals die einfachste Lösung: Das Abenteuer passt wohl nicht zur Gruppe. Aber mittlerweile denke ich, dass ich es mir damals viel zu einfach gemacht habe. Sicherlich ist es einfacher, wenn Personen bei dem Thema Erotik und Sex auf einer Wellenlänge sind. So kann ich zum Beispiel mit bestimmten Personen auch ohne Problem sehr detaillierte Sexszenen durch Storytelling ausspielen. Aber das ist wohl doch eher die Ausnahme.

 

Dies waren meine Erfahrungen als Spielleiter. Doch was, wenn ein anderer Spielercharakter mit einem in die Kiste springen möchte?

 

Eine unfreiwillige Begegnung

Wir waren eine Gruppe von fünf Mädchen, die ihre Freude an Vampire: The Masquerade hatten. Meine Teammitglieder spielten eine weibliche Toreador, eine weibliche Ventrue und eine weibliche Tremere. Selbst spielte ich einen männlichen Nosferatu. Während der vielen Abenteuer, die bestritten wurden, stellte sich alsbald heraus, dass mein Nosferatu und die Toreador eine magische Anziehungskraft zueinander entwickelten, die zu einem festen Freundschaftsbund mit leicht romantischen Nuancen führte, die ich euch bereits unter Beispielcharakter: Die Schöne und das Biest kurz beschrieben habe. Während eines Streits innerhalb des Clans war dann jeder Vampir genötigt; eine Seite zu wählen. Während die Ventrue und die Tremere die eine Seite wählten, blieb mein Nosferatu treu an der Seite der Toreador, die ein persönliches Verhältnis zu einem der Streitenden hatte.

Unsere Ventrue, deren Spielerin (die diesem Bericht zugestimmt hat) damals mit großer Enttäuschung feststellen musste, dass mein männlicher Charakter ein Nosferatu ist, war die typische Verführerin. Sie wickelte die Männer dermaßen schnell um den Finger, dass diese gar nicht merkten, dass sie mehrheitlich nur ausgenutzt wurden. Gerne setzte sie dabei nicht nur auf liebreizende Versprechungen, sondern gestattete so manchem auch ihr “sündhafte” Gesellschaft zu leisten. Wer sich hier wundert, da es immer wieder Diskussionen gibt, ob und wie Vampire aus The Masquerade Sex haben: Unsere Spielleiterin legte dies zusammen mit einigen Hausregeln fest. Sex war mit einer gewissen Aufwendung von Vita durchaus möglich und konnte auch dem Vampir Spaß machen, insbesondere wenn er zu Lebzeiten kein Unschuldslamm war.

In unseren Hausregeln legten wir auch fest, wie wir überhaupt mit Sex umgehen wollten. Die Ventrue wollte dies gerne ausführlich ausspielen und die Toreador sprach sich gegen jeglichen Sex aus. Wir einigten uns: Sex kommt nur vor, wenn der Spieler dies wünscht, anderen Spielern ist es während der Szene erlaubt, den Raum zu verlassen, wenn es sie nicht interessiert. Eine Regelung, mit der wir gut leben konnten, denn die Ventrue konnte ihre erotischen Abenteuer ausspielen und der Rest musste dies im Zweifelsfall nicht erdulden. Selbst beschloss ich, dass Sex aufgrund der Vergangenheit meines Nosferatus nicht zu diesem passte und er daher auch kein Interesse an jeglichen Körperkontakt hatte.

Doch zurück zum Szenario. Vermutlich ahnt ihr an dieser Stelle bereits, worauf es hinauslaufen wird. Die Ventrue wollte meinen Nosferatu betören und auf die andere Seite ziehen. Soweit okay. Doch in dem Moment, als diese Betörung eine mehr als eindeutige sexuelle Note erhielt, schaute mein Nosferatu wahrscheinlich genauso verdutzt wie ich.

Mit einer sehr direkten Einladung  kam das Angebot eines Aktes und ja ich gestehe es gerne: Mir fehlten die Worte. Weder mein Nosferatu noch ich hatten Interesse an einem Techtelmechtel dieser Art. Insbesondere hatte ich kein Interesse daran, hier ein so detailliertes Storytelling zu betreiben, wie es die Ventrue üblicherweise mit der Spielleiterin tat. Dafür war mir diese Person doch zu fremd und ich wusste, welch vulgäre Ausdrucksweise mich erwarten würde. Dennoch wollte ich die Erzählung nicht rüde unterbrechen und vertraute darauf, dass die Spielleiterin sich an die Sex-Regeln hielt.

Mein Nosferatu lehnte also höflich ab, doch leider ließ die Ventrue nicht locker und bestand darauf, während sie schon halb entkleidet war, dass jeder Mann ihrem Charme erliegen würde. Die Spielleiterin überlegte eine Weile und entschied, dass wir Argumente vorbringen und dann würfeln sollten. Glücklicherweise hatte mein Nosferatu nicht nur kein Interesse an einem intimen Kontakt, sondern sieht nach Abnahme der Kapuze und des für gewöhnlich hochgezogenen Halstuchs dermaßen zerschunden aus, dass ich das Würfelduell für mich gewinnen konnte. Ganz zufrieden war ich mit der Lösung jedoch nicht, da mein Würfelwurf auch schiefgehen hätte können.

Sicherlich hätte ich mich mehr sträuben, ja, das Würfeln sogar verweigern sollen. Doch grundsätzlich bin ich jemand, der Probleme lieber nach einer Runde anspricht, um die so schon knapp bemessene Zeit nicht mit unnötigen Diskussionen zu verplempern. Wie geht man also mit so einer Situation um, ohne die Stimmung am Tisch zu gefährden oder eine unnötige Diskussion loszubrechen?

Als ich im Nachhinein das Thema ansprach, war die Antwort der Spielleiterin: “Wären wir als Spieler auch unterschiedlichen Geschlechts gewesen, hätte sie diesen Annäherungen natürlich ein Riegel vorgeschoben, aber so sah sie kein Problem.”

 

Thorsten: Die Lösung des Problems

Um so mehr das Thema Sex in die Rollenspielrunde einzieht, um so größer wird die Verantwortlichkeit des Spielleiters.

Der Spielleiter ist in jeder Runde nicht nur derjenige, welcher die NPCs führt und die Umgebung darstellt, sondern auch die Person, welche die Spielsitzung im Rahmen belässt. Wie groß und weit dabei der Rahmen ist, hängt natürlich von allen beteiligten Personen ab. Dabei wird der Rahmen nicht nur von den Regeln des jeweiligen Systems vorgegeben, sondern auch von den Wünschen, Neigungen und Einstellungen aller Spieler (in Form des kleinsten gemeinsamen Nenners).

Eine Möglichkeit ist schon zu Beginn gewisse Punkte abzuklären. Doch neben dem Thema Sex gibt es noch viele weitere, welche Tabubereiche des einen oder anderen Spielers berühren könnten (z.B. Rassismus). Demnach kann so ein “Abstecken” viel Zeit in Anspruch nehmen und auch die Lust des Spielens sinken lassen. Hier ist Fingerspitzengefühl des Spielleiters gefragt. Zumal, wenn in der Runde noch weniger bekannte Personen dabei sind. Da kann sich einer der Spieler leicht unangenehm fühlen. Ist sich der Spielleiter unsicher, ob dies angebracht ist,  muss einfach fragen werden.

Bin ich in solch einer Situation, spreche ich im Vorfeld allgemein Tabu-Themen an und frage in die Runde, wie sehr alle Beteiligten dies ausspielen möchten oder ob sie es mit einer Würfelprobe darstellen sollen. In diesem Fall empfehle ich euch, kein bestimmtes Thema zu fokussieren, sondern dies erst einmal allgemein zu klären. Denn so fühlt sich noch keiner irgendwie peinlich berührt und jeder weiß, worum es geht. Zusätzlich können hierdurch auch gleich andere Tabuthemen mit ins Boot geholt werden. 

Schließlich wird daraus ein Gespräch entstehen. Und mag es noch so kurz sein,achtet darauf, dass alle Spieler in etwa angemessen darauf reagieren,  indem sie sagen, dass sie damit so keine Probleme haben. Beachtet, dass die hier getätigten Antworten und Einstellungen niemals in Stein gemeißelt sind. Zum einen kann sich die Einstellung eines Spielers ändern und zum anderen ist das Niveau der Spieler eventuell unterschiedlich.

Nehmen wir mal als Beispiel eine Runde an, in welcher die Spielerin Jessica und der Spieler Michael mit dabei sind. Vor der ersten Sitzung wird das Sexthema abgeklopft und alle Beteiligten stimmen überein, dass sie keine Probleme haben dies auszuspielen. Im Laufe des Spiels und nach mehreren Sitzungen und Abenteuern kommt es dann zu einer Sexszene zwischen den Charakteren von Michael und Jessica. Er versucht, sie auf seine Seite zu ziehen und umgarnt den weiblichen Charakter. Anfangs findet sie das auch noch spannend und ihr Charakter lässt sich darauf ein. Nun schmückt der Spieler Michael die Szene aus und beginnt den Charakter von Jessica zu fesseln, möchte er doch offenbar ganz bestimmte Interessen darstellen. Dies geht jedoch der Spielerin Jessica zu weit, weswegen sie sich nun sichtlich unwohl fühlt.

In diesen Moment zu sagen, “Hey, am Anfang waren wir uns alle einig, dass wir offen damit umgehen werden” ist nicht angebracht. Der Spielleiter trägt meiner Meinung nach die Verantwortung, die Szene notfalls zu unterbrechen, sobald es einem/einer der Beteiligten unangenehm wird. Ich handhabe solch eine Situation, indem ich zunächst allgemein in die Runde frage, ob noch alles ok ist. Alternativ spreche ich den Spieler direkt an, bei dem ich das Unwohlsein vermute. In diesem Fall jedoch nicht mit Fragen zu seinem “Wohlzustand”, sondern mit einer nebensächlichen Frage. Zum Beispiel: “Nachdem dein Charakter nun gefesselt ist, ändert sich deine Entscheidung, auf welche Seite dein Charakter wechseln wird?” Damit möchte ich zunächst die Szene etwas entschärfen, ohne die Atmosphäre zu sehr zu zerstören. Der Spieler hat nun die Möglichkeit, darauf zu reagieren und auch zu signalisieren, ob er weitermachen will oder nicht. Auch kann der Spieler dies nutzen, um zu fragen, ob er eine Probe machen kann, um festzustellen, ob sein Charakter die Seite wechselt oder nicht.

Eine andere Möglichkeit bietet sich an, eine Pause einzubringen. Zum Beispiel eine Raucherpause, die Knabbersachen aufzufüllen, neue Getränke zu beordern oder als Spielleiter einfach die Toilette zu besuchen. Solch eine Verschnaufpause kann Wunder wirken.

In jedem Fall ist meiner Meinung nach immer auf denjenigen einzugehen, der sich aus welchen gründen auch immer am unwohlsten fühlt. Ich möchte abschließend in den Vordergrund rücken, dass alle Spieler Rollenspiel betreiben, weil Sie in tollen und spannenden Geschichten Spaß haben wollen. Und schlußendlich bleibt es doch auch nur ein Spiel.

Oder wollt ihr bei Mensch ärgere dich nicht euer Gegenüber anflirten bis der Arzt kommt, damit dieser nicht eure Figur rausschlägt?

 

 

© Titelbild: Das Titelbild wurde uns von ErementalSoul zur Verfügung gestellt. Die Bildrechte liegen bei ihr. 

 

Thorsten Brunswieck

Rollenspieler seit dem 13. Lebensjahr. Sehr viele Systeme geleitet und zu 95 Prozent Spielleiter – und das mit Inbrunst. Dabei greift er auf vielerlei Medien zurück, um seinen Spielern das beste Erlebnis zu geben.
Hauptthemen: Pen&Paper

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Jasmin Dahler

Jasmin Dahler

Lebt in der Welt der Superhelden. Gut eigentlich in der Welt der Superschurken. Egal ob Comics, Games oder Filme, alles wird leidenschaftlich konsumiert.
Hauptthemen: Comics, Hörspiele, Games

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