Kontroversen im LARP – Teil 2: Von Pappnasen und Charaktertod


Irgendwann im Laufe seines Lebens als aktiver LARPer kommt jeder Spieler in die Situation, entscheiden zu müssen, ob sein bespielter Charakter das Zeitliche segnet oder nicht. Fällt die Entscheidung zugunsten des Überlebens, sind nicht selten Spott und der Vorwurf der “Pappnasigkeit” die Folge. Doch hinter jedem sogenannten “Highlander” steckt auch ein realer Mensch: ein Vermittlungsversuch.

Im letzten Teil habe ich mich mit schlechter Ausspielmoral befasst und für mehr Handreichung und weniger Sturheit geworben. Nun soll es an die maximale Eskalationsstufe des Nicht-Ausspielens gehen, dem vermiedenen Charaktertod. Ob wir uns nun in den Settings Fantasy, Endzeit oder SciFi bewegen, Charaktertode oder Nicht-Tode bewegen die Gemüter. Auch hier wird von Außen gar zu schnell ein Urteil gefällt, doch “schlechtes Spiel” und “gutes Spiel” liegen oft nah beieinander. Bewusst lasse ich Con-Reihen, auf denen eine “Wiedergeburt” des Charakters vorgesehen ist, aus der Betrachtung und beziehe mich ausschließlich auf endgültige Charaktertode.

 

Der Highlander und der Mensch dahinter

Das Ende aller Tage…zumindest für den Charakter.

Als Highlander wird oft ein Spieler bezeichnet, der seinen Charakter einmalig oder gar mehrfach nicht sterben ließ, obwohl ein konsequenter Spielansatz den Charaktertod zwingend erforderlich machen würde. Typische Situationen sind IT-Kampfverletzungen, die innerhalb der IT-Logik nicht behandelbar scheinen (der Kehlschnitt oder der Kopfschuss sind wohl der Klassiker). Als Mitspieler haben wir jedoch nur einen winzigen Einblick in die Ereignisse, die zu den IT-Verletzungen führten und wissen in der Regel noch weniger über die persönlichen IT- und OT-Beweggründe, die der Entscheidung zugrunde liegen.

 

… manchmal ist es ganz profan.

Stirbt ein Charakter, so bedeutet dies für seinen Spieler, dass er sich grundlegend neu ausstatten muss. Das betrifft mindestens seine Gewandung, Bewaffnung und persönliche Ausstattung, wird von besonders konsequenten Spielern aber auch auf das komplette Lager samt Trink- und Essgefäßen und Zeltinterieur ausgeweitet. Unabhängig von der unangenehmen Tatsache, dass auch sämtliche IT-Kontakte, Bünde und Freundschaften dahin sind, bedeutet dies, dass der Spieler, um weiter im LARP aktiv sein zu können, eine Menge Geld in die Hand nehmen muss, um wieder auf einen Stand zu kommen, den er sich vormals in jahrelanger Arbeit zusammengekauft und gebastelt hat. Wir alle kennen Mitspieler, bei denen es am Ende des Monats auch ohne das Hobby LARP finanziell eher eng wird und für diese Menschen kann ein Charaktertod das zeitweise Aus für eine Freizeitbeschäftigung sein, die an sich schon kostenintensiv und aufwändig ist. Die Entscheidung, einen Charakter nicht sterben zu lassen, auch wenn sämtliche IT-Logik dagegen spricht, kann also durchaus von der realen Angst getragen werden, ein geliebtes Hobby zumindest zeitweise zu verlieren.

Aus der Position finanzieller Sicherheit lässt sich dieses Argument leicht belächeln und doch sollten gerade die Spieler, die jene Probleme nicht haben, sich mit Urteilen zurückhalten. Am Ende wird ein Mitspieler selten so offen sein und zugeben, dass er einfach zu blank ist, um einen neuen Charakter zu erschaffen.

 

Vorschlag Nr. 1: Nachsichtig sein, denn es gibt Sorgen jenseits des IT.

 

… der OT-Verpflichtung den Vorrang geben.

Dieser Punkt betrifft insbesondere Charaktere, die eine wichtige IT-Funktion einnehmen, die oft zugleich mit einer unabkömmlichen OT-Funktion des Spielers einhergeht. Geht zum Beispiel der einzige, noch lebende IT-Anführer einer Fraktion über den Jordan, wird damit nicht selten auch die OT-Fraktionsorga augenblicklich aus dem Spiel gestoßen. Das kann einschneidende Auswirkungen auf das Spiel der gesamten Gruppe haben, ganz besonders wenn diese Person den Überblick über den Plot besitzt und den Kontakt zur Con-Orga hält, um die Gruppe ein wenig zu lenken.

Ich selbst geriet vor nicht allzu langer Zeit in eine entsprechende Bredouille: Die Anführerin einer IT wie OT angeschlagenen Gruppe wurde IT schwer verletzt und hatte die Wahl entweder – wie es eigentlich ihrem Spielstil entsprechen würde – den Charakter versterben zu lassen oder ihn alternativ als schwer verwundet und damit auf dieser Con nicht mehr spielbar aus dem Geschehen zu nehmen. Sie entschied sich jedoch dafür einen seltenen Glücksfall auszuspielen und nach kurzer Zeit in das Lager zurückzukehren. Hintergrund der Entscheidung war die absolute Erschöpfung, auf die die gesamte Gruppe zusteuerte und das Risiko, mit dem weiteren Ausfall einer IT-Führungskraft und OT-Organisatorin, das Spielerlebnis für eine große Anzahl Spieler nachhaltig zu schädigen. Sie entschied sich also zum Wohle der Gemeinschaft gegen ihre eigene Spielkonsequenz und musste dennoch im Nachgang mit vereinzelter Kritik umgehen. Zu Unrecht, wie ich finde …

 

Vorschlag Nr. 2: Den Gesamtkontext beachten.

 

… die Pappnase trug eigentlich ein Anderer.

Ein abgewendeter Meuchelmord?

Sehen wir eine Spielsituation, in der ein Spieler sich gegen den Tod seines Charakters entscheidet, obwohl sämtliche Argumente eigentlich dafür sprechen, scheint es sich für uns schnell um Inkonsequenz zu handeln. Doch wie so oft im Leben hat auch hier die Medaille zwei Seiten: Nehmen wir an, ein Charakter, nennen wir ihn Alrik, verriet einen anderen Charakter, nennen wir diesen Marcus, und sorgte damit dafür, dass dieser seines Standes enthoben wurde. Der Verräter von Marcus ist seinem Spieler allerdings nur OT bekannt, weil ihm diese Information während eines Pläuschchens vor Dixieland von seiner Freundin preisgegeben wurde. Dennoch engagiert Marcus zwei Meuchelmörder, die Alrik den Garaus machen sollen. Alriks Spieler weiß, dass Marcus’ Spieler diese Information nur OT erhalten haben kann und so entscheidet er sich dazu, dass sein Charakter den Angriff überlebt.

Er entscheidet sich also im Grunde genommen einen Regelverstoß, oder auch eine Pappnasigkeit, so weit zu ignorieren, dass ihm zumindest keine langfristigen Nachteile aus der Situation entstehen.

Dies ist nur ein Beispiel, das für viele Szenarios stehen soll, in welchem ein Spieler es nicht einsieht, seinen geliebten Charakter aufzugeben, nur weil ein anderer Spieler unlautere Methoden eingesetzt hat. Als Außenstehender wissen wir das alles nicht und so fehlen uns wichtige Informationen, um die Entscheidung vollständig interpretieren zu können.

 

Vorschlag Nr. 3: Nicht zu früh urteilen.

 

… es einfach nicht übers Herz bringen.

Geh nicht ins Licht! Manchmal fällt der Abschied einfach zu schwer.

Am Ende ist auch das eine sehr menschliche Sache: Der Spieler kann und will sich einfach nicht von seinem Charakter trennen. Man kann es inkonsequent nennen, man kann es pappnasig nennen, man kann es “schlechtes Spiel” nennen und am Ende ist es doch nicht mehr als eine einfache menschliche Schwäche. Das macht es vielleicht nicht besser, oder weniger frustrierend, gerade wenn wir selbst an der betreffenden Situation beteiligt sind und doch erspart es allen Mitspielern einiges an Ärger, wenn wir uns einfach mal erlauben, uns in Nachsicht zu üben. Nicht selten, vielleicht sogar meistens, schafft das Überleben eines eigentlich dem Tode geweihten Charakters mehr Spiel als es zerstört, denn wie sagt eine alte LARP Binsenweisheit: Charaktertod ist kein Spielangebot.

 

Vorschlag Nr. 4: Nicht vergessen, es ist nur ein Spiel.

 

Am Ende bin ich ein großer Verfechter der Opferregel, die besagt, dass es immer der Spieler selbst ist, der das letzte Wort hat. Ob ein Spieler nun für sich selbst über den Tod oder das Weiterleben seines Charakters entscheidet, oder er durch den Medic(us) eine Münze werfen lässt, wie sehr tangiert das eigentlich mein Spiel? Ein schlechter Spieler, an dem andere Spieler keine Freude haben, wir auch durch eine rigorose Todesstoßregel nicht zu einem guten und ein guter Spieler, der viele immersive Momente und spannende Situationen schafft, durch ein diskussionswürdiges Überleben seines Charakters nicht zu einem schlechten.

 

Gab es schon Momente, in denen ihr euch über das Weiterleben eines Charakters so richtig geärgert habt? Habt ihr vielleicht selbst schon einmal eine solch unbeliebte Entscheidung getroffen? Wie wichtig ist euch Konsequenz in Sachen Charaktertod und wo könnt ihr auch mal ein Auge zudrücken? Lasst uns darüber diskutieren!

 

Mein nächsten Thema in Kontroversen im LARP: Von Pappnasen und OT-Wissen

Kerstin Lohmer

Kerstin Lohmer

Wurde irgendwann mal 14 und blieb dabei. Rollenspielerin seit sie denken kann und auf beiden Seiten des Tisches anzutreffen. LARPerin und Teilzeit-Nerd.
Hauptthemen: Pen & Paper und LARP

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  • Hannah Mondalpha

    Tatsächlich habe ich Diskussionen um dieses Thema lange nicht mehr erlebt – wohl, weil sich die Opferregel mehr und mehr durchsetzt und Cons, auf denen der Charaktertod fremdbestimmt werden soll, seltener werden.

    Vorher war es vor allem dann problematisch, wenn der Spieler sich vorher so plump verhalten hat, dass der Tod im Spiel unausweichlich scheint und der Rest schon richtig kreativ werden muss, um da drumrum zu spielen (die berühmtem “Da ist ein bodenloses Loch” – “Ich spring rein!”-Situationen), oder aber einen klaren Antagonisten spielen wollte – dann wirds schwierig.

    Beim finanziellen Aspekt würde ich nichtmal unterschreiben, dass man Geld ausgeben muss, um weiterzuspielen. Wer eine Weile das Hobby betreibt, wird ein paar neutrale Teile haben, aus denen er einen neuen Charakter zusammenschustern kann, notfalls leiht man sich etwas, eine 20€-Perücke auf den Kopf und schon erkennt jeder den neuen Charakter. Allerdings bleibt ein finanzieller Verlust von speziellen Teilen, die man nicht mehr einsetzen kann, manches kann man weiterverkaufen, anderes (Rüstungsteile mit eingeschmiedetem Wappen) nicht oder nur mit Verlust, und liebgewonnene, vielleicht aufwändig selbst gefertigte Ausrüstungsstücke nicht mehr nutzen zu können schmerzt natürlich auch das Larperherz.

    • Kerstin Lohmer

      Tatsächlich erlebe ich diese Diskussion noch sehr häufig. Ich spiele viel im Endzeit-Setting und da hier generell versucht wird, eine hohe Bedrohung zu schaffen und das Überleben an sich schon eine Queste darstellt, wird immer wieder über vermeintliche Highlander geschimpft.

    • Erik Peterson

      Ich habe bei Charaktertod in der Vergangenheit gerne mein Zeug, welches für den Charakter einmalig war, an meine Mitspieler verteilt. Ob das jetzt Bekleidungsstücke, wie Mäntel und Umhänge waren oder Schmuckstücke oder sonstiger Kram, war mir dabei immer relativ egal. Allerdings habe ich auch in einem Setting mit recht hoher Sterbewahrscheinlichkeit und sehr lebendiger Totenverehrung gespielt. Abhängig davon, wie ein Charakter gestorben ist, wurde dieser noch auf Jahre hinaus dafür gefeiert und geehrt.

      Daher sehe ich das Theme eher zwiegespalten. Klar ist der Charaktertod etwas, das den Spieler im ersten Moment am Boden zerstört hinterlässt. Allerdings haben mir gerade die ungeplanten Tode die schönsten Spielmomente beschert.

      Wenn ein kompletter Abend an einem sonst anders gearteten Spielwochenende darauf verplant wird einen Charakter beizusetzen und dabei richtig Zambalo gemacht wird, dann ist das Balsam für die geschundene Spielerseele.

      Mitanzusehen, wie teilweise die erbittertsten Feinde eines Charakters an dessen Scheiterhaufen standen und dort mit belegter Stimme zugaben, dass man sich zwar gehasst habe allerdings immer noch eine hohe Meinung von dieser Person gehabt habe, war einfach nur ganz großes Kino.

      Selbstmordversuche, Verzweifelung, Trauer, Wut und Rachegelüste, ganz große Emotionen, die sonst meist eher nach attention whoring müffeln, passen hier hin und ergänzen die Szene wunderbar.

      Tatsächlich gibt es OT Gründe, die einen Charaktertod schon einmal verhindern können. Insbesondere dann, wenn man wirklich gerade klamm auf der Naht ist oder man aber aufgrund von Metagaming gegrillt werden soll. Allerdings kann und will ich OT Verpflichtungen nur in absoluten Ausnahmefällen gelten lassen. Und es nicht übers Herz zu bringen ist in meinen Augen einfach nicht okay.

      Nach meiner Auffassung ist “irgendwann zu sterben” eines der Spielziele, mit denen man generell an den Start gehen sollte. Wie bereits oben geschrieben haben mir Charaktertode zu einigen der schönsten Momente in meinem Spielerdasein eingetragen.