Von geliebten Toten und anderen Zerwürfnissen


Bereits Ende September startete der Festa-Verlag eine neue Miniserie, welche die hauseigene “H.P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens” um drei weitere Sammelbände zu H.P. Lovecrafts denkwürdigem Schaffen erweitert. Wir haben uns inzwischen die erste der drei Anthologien, Die Geliebten Toten, genauer angeschaut.

 

Erst letztes Jahr hatte ich mir die sechs Bände umfassende Sammlung zum Altmeister des anspruchsvollen Horrors und ein Urgestein in Sachen Dark Fantasy (Cthullu-Mythos) zusammengestellt. Schon seine erste von mir gelesene Kurzgeschichte, Die Ratten im Gemäuer, fasziniert und fesselt mich bis heute. Dementsprechend hoch sind meine Erwartungen an die jüngsten Neuauflagen des Festa-Verlags.

In den drei neuen Sammelbänden sind nach Aussage des Verlags alle Erzählungen in chronologisch aufsteigender Reihung enthalten, die aus der mehr oder minder intensiven Zusammenarbeit Lovecrafts mit anderen Schriftstellern hervorgingen. Die geliebten Toten umfasst dabei die Schaffensjahre 1918 bis 1929. Das bedeutet aber auch, dass die frühen Geschichten schon knapp 100 Jahre alt sind.

Die geliebten Toten

Der Schutzumschlag ist gewohnt schlicht (© Festa)

Die titelgebende Erzählung fokussiert sich – in typischer Lovecraft-Manier – auf einen namenlosen Protagonisten, der in Anbetracht des nahenden Wahnsinns bzw. Todes sein Schicksal annimmt und rückblickend seine grauenhaften Eindrücke schildert, die ihn in diese ausweglose Situation manövriert haben.

Er beschreibt sich selbst als Außenseiter, der seine Kindheit und Jugend überwiegend kränkelnd und lethargisch verlebt hat. Sein innerer Lebensfunke zündelt erst mit dem Tod seiner Mutter. Genauer gesagt: Der Anblick ihres toten Körpers im Zuge ihrer feierlichen Aufbahrung zur Abschiednahme entfacht sein inneres Feuer. Aus seiner gewohnten Trägheit heraus überkommt ihn ein ungeahnt berauschendes Hochgefühl. Der Tod selbst scheint auf den jungen Burschen eine geradezu animalische Anziehungskraft auszuüben.

In dem Wunsch, diese neu gewonnene Lebendigkeit nicht versiegen zu lassen, heuert er wenig später im örtlichen Bestattungsinstitut an. Durch seinen ungestümen Eifer selbst bei der späteren Beerdigung seines Vaters verdingt er sich ein durchaus redliches Ansehen als hingebungsvoller Totengräber. Jeder neue Tote, den es fortan für eine Trauerzeremonie herzurichten gilt, entzückt ihn aufs Neue. Doch von seiner ihm eigenen Euphorie nicht ablassen wollend, beginnt er schließlich jene Tage zu fürchten, die ihm keinen neuen Leichnam bescheren würden, und so die Langlebigkeit der hiesigen Bevölkerung  zu verfluchen…

 

“Und dann kamen die Nächte, in denen eine geduckte Gestalt heimlich durch die schattigen Straßen der Vorstädte schlich […]. [Sie] verschmolz mit den Bäumen und warf flüchtige Blicke über die Schulter, denn sie hatte Böses vor.”

 

Wenngleich sich die Erzählung dem eher anrüchigen Thema der nekrophilen Triebtäterschaft annimmt, empfand ich sie gerade wegen ihrer erschreckenden Zeitlosigkeit als spannende Lektüre. Angenehm erscheint mir hierbei, dass sich der Autor wie üblich nur im Rahmen gezielter Andeutungen bewegt, sodass sich als Leser stets selbst entscheiden kann, wie detailhaft, verrucht oder gar erschütternd die Bilder vor meinem inneren Auge ausformuliert werden. Kompositorisch und stilistisch ist die Handlung eher einfach gestrickt, aber dennoch reizvoll genug, um das eigentlich recht herbe Schicksal des Protagonisten ergründen zu wollen.  Eine gelungene Erzählung.

Außerweltlich und übernatürlich

Neben den Geschichten, die sich inhaltlich ausschließlich auf die Abgründe menschlicher Existenz konzentrieren, gibt es eben auch einige Geschichten, die weitere Einblicke in das Wirken außerweltlicher und/oder übernatürlicher Wesenheiten gewähren. 

Besonders beeindruckt hat mich persönlich Das letzte Experiment. Hier geht es um den angesehenen Arzt Dr. Alfred Clarendon, der dank des Jugendfreundes und hiesigen Gouverneurs James Dalton zum medizinischen Leiter des kalifornischen Staatsgefängnisses St. Quentin ernannt wird. Ersterer, stets umgeben von seinem zwielichtigen Assistenten Sumara, hat sein Leben der Suche nach einem Heilmittel gegen das schwarze Fieber verschrieben. Das Fieber fordert kurze Zeit später in St. Quentin die ersten Todesfälle und führt zu einer Massenhysterie in San Franzisco, während sich Alfreds Schwester und Haushälterin, Georgina Clarendon, zunehmend um das geistige Wohl ihres Bruders sorgt und schließlich James um Hilfe bittet. 

Neben den vielen wirklich lesenswerten Geschichten gesellen sich aber auch einige, zu denen ich selbst nach mehrmaligem Lesen absolut keinen Zugang hatte. So betrachte ich Die grüne Wiese als absolut belanglos.  Aber auch Die Dichtkunst und die Götter und Das schleichende Chaos empfand ich schlichtweg als enttäuschend langweilig.

Wohlwissend, dass ich kein Experte in Literaturgeschichte bin, musste ich mich aber doch fragen, inwieweit hier von Lovecraft als Autor die Rede sein kann oder mit welcher Intention dieser die Erzählungen abfasste, da sie meinem persönlichem Empfinden nach nur bedingt zu seinem vermeintlichen Oeuvre passen. Aber letztendlich bleibt es wohl Geschmackssache. 

Wieder edel verpackt

Das Buch selbst besteht wie die meisten Ableger der Bibliothek des Schreckens aus einen stabilen Einband mit etwas dickerem Papier und schwarzem Leseband. Den Einband ziert zudem ein aufregendes Cover, welches eine vermummte Gestalt in einer Tempelruine zeigt, die allerlei Kreaturen aus dem Wasser heraufbeschwört. Sehr schick! Der Einband kann aber auch mit einem schlichten Umschlag verhüllt werden.

Das Tolle daran ist, dass sich das Buch sowohl in Größe als auch in seiner Aufmachung nahtlos an meine anderen sechs Lovecraft-Bände anschmiegt und so im Bücherregal eine einheitliche Sammlung ergibt.

Fazit 

Insgesamt kann ich Die geliebten Toten nur empfehlen, auch wenn unter den 20 Kurzgeschichten einige dabei sind, die mir wahrlich nicht gefallen. Allerdings sehe ich diesen Sammelband vielmehr als Ergänzung zu den sonst bekannten Werken Lovecrafts an. Daher möchte ich all jenen, die eben noch nicht hinreichend mit dem literarischen Schaffen Lovecrafts vertraut sind, ausdrücklich Der kosmische Schrecken samt Folgebände ans Herz legen. 

Die Aufmachung und Verarbeitung des Buches ist sehr liebevoll gehalten und rechtfertigt meines Erachtens den durchaus hohen Preis.

 

Wie bewerten wir? Lest hier nach.

 

Die geliebten Toten
Autor: Howard Phillips Lovecraft
Verlag: Festa
Gebundene Ausgabe: 355 Seiten
 

Die geliebten Toten: Horrorgeschichten 1918-1929

Price: EUR 29,99

4.5 von 5 Sternen (2 customer reviews)

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Marco Schugk

Marco Schugk

Tauscht gern Schwert und Rüstung gegen Federkiel und Tinte, um den Geschichten und Erzählungen seiner Kameraden gelehrsam Ausdruck zu verleihen.
Hauptthemen: Lektor, Games, Brettspiele.

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