Im Spiegel nichts Neues


Die Teenagerin Isabel Parks ist erbost, da sie eigentlich nicht mit ihren Eltern umziehen möchte. Doch auf dem Dachboden ihres neuen Heims entdeckt sie einen mysteriösen Spiegel, der ihr Leben für immer verändern sollte. Auf Einladung der Deutschen Literaturgesellschaft haben wir das preisgekrönte Erstlingswerk Hinter dem Spiegel – Tödliche Dornen der 15-jährigen Autorin Henriette Hermine Settmacher etwas genauer angeschaut. 

Das schön gestaltete Cover lädt zum Schmökern ein. (© Deutsche Literaturgesellschaft)

Ein Neuanfang wider Willen

Die 16-jährige Isabel ist auf eine derartige Veränderung in ihrem bisher sonst recht ereignislosen Leben nicht gefasst: Die Familie Parks verlässt die Großstadt, um in der Provinz einen beruflichen Neuanfang zu wagen. Dabei muss sie schon zum Zeitpunkt des Umzugs ihrem Vater versprechen, auf keinen Fall den Dachboden ihrer künftigen Wohnstätte zu betreten. Doch noch am selben Tag stiehlt sie sich im Zuge ihrer Erkundungstour durchs Haus prompt auf den ominösen Dachboden. Dort findet sie in einer staubigen Truhe nebst schwarzer Rose einen uralten Brief, der ihr zunächst Rätsel aufgibt: Die Rede ist von königlichem Familienzwist im fernen Lande Arandeen, das auf keiner Weltkarte auftaucht.

Zwei Wochen später ist es dann soweit: Auf dem Weg zu ihrem ersten Unterrichtstag an der neuen Schule lernt Isabel nach einem Fahrrad-Crash den charmanten Alex kennen. Der an der Schule offenkundig beliebte Bursche zögert nicht, sie dann wenig später den beiden Mädels Leah und Molly vorzustellen. Die vier verstehen sich auf Anhieb recht gut miteinander und verbringen gemeinsam den Tag. Soweit so gut.

Am Abend schleicht sich Isabel trotz abermaligem Verbot der Mutter wieder auf den Dachboden. In dem abgewohntem Obergeschoss erregt dieses Mal ein verhangener Standspiegel ihre Aufmerksamkeit. Als sie seinen Vorhang zur Seite zieht, wird sie von einem Moment auf den nächsten hineingezogen. Auf der anderen Seite erwartet sie bereits der schemenhaft monströse Spiegelwächter Demon. Erst noch starr vor Angst, ergreift sie alsbald die rückwärtige Flucht durch den Spiegel.

Isabels zweiter Schultag verläuft zunächst erwartungsgemäß ereignislos, bis man Molly mit Schnittwunden übersäht auf dem Fußboden der Mädchentoilette findet. Tot. Einfach so. In der Mittagspause. Mit viel Überredungskunst dürfen schließlich Leah und Isabel noch vor Eintreffen der Polizei den Tatort betreten. Letztere findet dort eine mysteriöse Notiz:

“Das war erst der Anfang, Isabel Parks”

Nach der polizeilichen Vernehmung wird Isabel dann bis zum Abend hin fürsorglich von Alex begleitet, bis beide knutschend auf dem Dachboden landen – die eine emotional verunsichert, der andere die Gunst der Stunde (schamlos) ausnutzend. Den Rest der Woche bleibt die Schule geschlossen, sodass sich Isabel abermals in die Welt auf der anderen Seite des Spiegels wagt. Dort erfährt sie vom eigentlich recht sympathischen Demon und seinen Freunden, dass der Mord an Molly vermutlich das Werk der tyrannischen Königin Lydia ist, die Isabel mit allen Mitteln von der Spiegelwelt Arandeen fernhalten möchte und ganz beiläufig die dort lebenden Menschen unterdrückt, weil das tyrannische Königinnen eben so machen.

Eine Protagonistin wider Willen

Isabel Parks ist für mich im wahrsten Sinne des Wortes ein unbeschriebenes Blatt. Von ihrem bisherigen Leben, Gewohnheiten, Hobbies, Wünschen, Träumen, Zielen, Weltanschauungen? Nichts. Die Handlung des Buches setzt punktgenau mit dem durch die Umzugspläne der Eltern ausgelösten Streit ein.  Als Leser erfahre ich eigentlich nur, dass Isabel ihr aktuelles Zuhause nicht verlassen möchte, obwohl sie nicht einmal Freunde oder andere nennenswerte Gründe vorweisen kann. Ihre Komfortzone nicht verlassen zu wollen ist zwar menschlich, der viele “Lärm” um nichts lässt aber schon zu Beginn an kaum Spielraum für etwaige Sympathien meinerseits. 

Im weiteren Verlauf der Handlung verdichten sich die zumeist nur oberflächlichen Impressionen Isabels allmählich zu einer eher emotional geleiteten, aber nur wenig tiefsinnigen Figur. Vielleicht mag das – wenngleich nur schwer vorstellbar – für Mädchen in ihrem Alter ein durchaus treffendes Charakteristikum sein, mein gesteigertes Interesse vermag es leider nicht zu wecken. Isabel bleibt für mich leider schlichtweg belanglos.

Da Isabels Freunde und Mitmenschen ausschließlich durch die Sicht der Protagonistin beschrieben werden, erleiden sie zumeist das selbe, detailarme Schicksal. Dies mag zwar in Anbetracht des relativ kurzen Zeitraums, über den sich die Handlung erstreckt, verzeihlich sein, lässt aber auch keinerlei Spannungsaufbau zu. Eigentlich schade.

Ein Scherbenhaufen wider Willen

Die Gestaltung des Textes fußt auf zumeist schlichteren Satzkonstruktionen beschreibender Natur und zahlreichen Dialogen, welche einen zügigen Lesefluss ermöglichen. Rhetorisch hätte ich mir jedoch etwas mehr Divergenz gewünscht, insbesondere bei der Wahl der Adjekte. Wenn beispielsweise bei einer komplett aus Holz gefertigten Hütte betont wird, dass “sogar die Tür aus Holz besteht”, dann ist das schon irgendwie unbefriedigend. Aber auch sonst empfinde ich die vielen Wortwiederholungen und den Mangel an Synonymen eher lästig. Ausgesprochen verärgert bin ich aber über die zahllosen Fehler in der Interpunktion. Insbesondere Kommas wurden vergessen und/oder an falscher Stelle gesetzt. Seltener sind Rechtschreibfehler wie “Untertarnen” und das Fehlen ganzer Worte.

Ich setze den Anspruch, dass auch ein Jugendbuch zur Festigung der eigenen Sprachfertigkeiten für die entsprechende Zielgruppe Maßstäbe setzen sollte, an denen sich zumindest orientiert werden kann. Wer auch immer dieses Werk korrigiert, hat seine Aufgabe wahrlich nicht ernst genommen.   

Fazit

Zunächst einmal hat die junge Autorin mit ihrem Werk “Hinter dem Spiegel – Tödliche Dornen” meinen Respekt verdient. Eine eigene Welt fernab der unseren zu entwerfen und niederzuschreiben ist insbesondere in ihrem Alter eine beachtliche Leistung.

Wenngleich schon der Titel verrät, dass die sich dahinter verbergende Erzählung das Rad nicht neu erfindet, habe ich mir dennoch einen innovativeren und inhaltlich weniger vorgeprägten Roman erhofft. So dreht sich die Handlung lediglich um eine Außenseiterin, die in eine Parallelwelt gelangt, um die dort vorherrschenden Mächte zu bekämpfen – eine Geschichte, die leider schon viel zu oft weitaus stilvoller und tiefsinniger erzählt wurde. Die sprachliche Qualität samt Interpunktion ist leider stark ausbaufähig und gereicht dem Werk nicht zum Vorteil. Insgesamt ist das Buch für mich Geschmackssache.

Mein Dank gilt der Deutschen Literaturgesellschaft, die uns freundlicherweise ein Exemplar zur Verfügung gestellt hat.

Wie bewerten wir? Lest es hier nach.

 

Hinter dem Spiegel – Tödliche Dornen
Autorin: Henriette Hermine Settmacher
Verlag: Deutsche Literaturgesellschaft
Softcover: 337 Seiten
 

Hinter dem Spiegel: Tödliche Dornen

Price: EUR 12,80

4.5 von 5 Sternen (12 customer reviews)

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Marco Schugk

Marco Schugk

Tauscht gern Schwert und Rüstung gegen Federkiel und Tinte, um den Geschichten und Erzählungen seiner Kameraden gelehrsam Ausdruck zu verleihen.
Hauptthemen: Lektor, Games, Brettspiele.

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