Stolperstein literarische Vorlage


Die Maske des roten Todes von Edgar Allan Poe gehört für mich zu den besten literarischen Werken, die unsere Welt zu bieten hat. Entsprechend gespannt war ich, als mir die 46. Folge des Gruselkabinetts in die Hände fiel.

Im ganzen Land ist eine fürchterliche Seuche ausgebrochen, die sich durch die blutverschmierten Opfer “Der rote Tod” schimpft. Der Fürst Prospero zieht sich wohlwissend, dass vor seinen Mauern Menschen sterben, mit einigen wohlhabenden Personen in seine Abtei zurück und genießt das Leben mit privaten Festen. Während sich der Fürst in Sicherheit wiegt, arrangiert er einen außergewöhnlichen Maskenball, welchen er in sieben Räumen veranstaltet, die sich je einer Farbe widmen. Dabei kann nie mehr als ein Raum vollständig gesehen werden. Zu jeder vollen Stunde ertönt der Glockenschlag einer Uhr, die sich in dem siebten Raum befindet, der bis auf die scharlachroten Fenstern gänzlich in schwarz gehalten wurde.

Während des ausgelassenen Festes erscheint eine mysteriöse Gestalt. So zumindest würde der ungefähre inhaltliche Text der literarischen Vorlage lauten, denn bis auf eine kurze Erklärung der Seuche, bleibt die schriftliche Fassung durchgehend auf diesem Fest und baut sehr langsam die Atmosphäre auf. Das Hörspiel geht einen anderen Weg.

Zwei Geschichten in einer

Im Jahr 1750 wütet der rote Tod schon lange in Europa – mit Blut nahm er seinen Anfang und mit Blut nimmt er sein Ende. Eine Erläuterung des Krankheitsverlaufs folgt den ersten Worten des Erzählers (Hasso Zorn). Dann die Geräusche eines nächtlichen Waldszenarios und die erschöpften Laute einer Frau und eines Mannes, die versuchen trotz ihrer Erschöpfung das nächste Dorf zu erreichen.

Es handelt sich hierbei um Hopp-Frosch (Sven Plate) und Tripetta (Daniela Reidies), Figuren aus einer anderen Erzählung von Poe. Kurz darauf wird der Prinz Prospero (Ernst Meincke) und drei Minister eingeführt, die mit der Kutsche an den beiden Personen vorbeifahren und sich anscheinend angetrunken dazu herablassen, anzuhalten. Bei Hopp-Frosch und Tripetta handelt es sich wie bei der literarischen Vorlage (The Hopp-Frog) – in den Worten des Hörspiels – um Zwerge.

Die beiden gehörten einem Wanderzirkus an, der vom roten Tod heimgesucht wurde. Rein aus Unterhaltungszwecken nimmt der Fürst die beiden mit, um bald darauf zu beschließen, sich mit ausgewählten Personen in seine Abtei zurückzuziehen und diese abzuriegeln.

Die beiden neuen Protagonisten der Handlung werden fortan von ihrem neuen Herren, den Ministern und der hinzugefügten Geliebten (Reinhilt Schneider) des Fürsten, gepeinigt und verspottet. Im Gegensatz zur Vorlage bringt der Hopp-Frosch die gestalterischen Ideen für das Maskenfest mit ein, um sich für die Behandlung zu rächen. Den mysteriösen Besucher, der die Gäste in Angst und Schrecken versetzt, hatte dieser jedoch nicht eingeplant.

Ungeschickte Verwebung

Ich muss gestehen, ich bin wahrlich enttäuscht von dem Hörspiel. Zwar war mir bewusst, dass die eigentliche Handlung ergänzt werden muss, um die übliche Länge zu erreichen, aber diese Zusammenfügung zweier Texte war mir viel zu bizarr. Der Erzählung Hopp-Frosch konnte ich persönlich nie viel abverlangen und so kreuzen sich hier in meinen Augen ein Meisterwerk mit einem eher mittelmäßigen Werk Poes.

Das Cover lockt mit schönen Farben ins Verderben. (© Titania Medien)

Die neuen Protagonisten wollten für mich einfach nicht in das Geschehen des roten Todes passen und es ärgerte mich, dass auf der Hörspiel-Schachtel kein Hinweis darauf gegeben wird, dass hier zwei Werke zusammengebastelt wurden. In gewisser Weise zerstören die beiden Werke gegenseitig ihre Atmosphäre. An mancher Stelle wirkt der eine oder andere Charakter überflüssig und lieblos hineingequetscht, um dann recht schnell wieder herausgerissen zu werden.

Doch was mich wahrlich stört – und man möge mir an dieser Stelle den Spoiler verzeihen – ist die optische Gestaltung der mysteriösen Gestalt. In der literarischen Vorlage von Kopf bis Fuß in blutbespritzte Grabtücher eingehüllt, ist sie im Hörspiel eine große hagere Gestalt in einem violetten Umhang gehüllt mit scharlachrotem Kragen, auf dem Kopf einen schwarzen Hut mit roter Feder und einer Totenschädelmaske vor dem Gesicht. Die unheimliche Präsenz geht für mich mit dieser eher eleganten Optik völlig verloren.

Die am Ende stattfindende hinzugefügte moralisch richtende Eigenschaft dieser Gestalt widerte mich ebenfalls zutiefst an und erinnert mich an eine Kinderserie.

Würde ich das Hörspiel rein auf die Handlung und Charaktere beschränken, wäre es wohl das schlimmste Hörspiel, welches seinen Weg in meine Sammlung gefunden hat. Doch leider oder glücklicherweise präsentiert sich das Gruselkabinett in der akustischen Gestaltung wie üblich in einer hohen Qualität, die nur wenige Hörspiel-Reihen erreichen. Die Musik ist angenehm umspielend, ja gar dezent, und die Geräuschkulisse so geschickt eingebunden, dass ich mit geschlossenen Augen in wenigen Sekunden in der Welt der Geschichte bin.

Die Sprecher sind gut gewählt und damit durchgehend angenehm anzuhören – auch wenn ich die Minister nicht unterscheiden konnte. 

Fazit

Wer die literarische Vorlage Die Maske des roten Todes kennt und liebt, sollte Abstand von diesem Hörspiel nehmen und nicht mal aus Langeweile anhören. Auch Fans von schaurigen Geschichten wird durch die eher ungeschickte Verbindung der beiden Geschichten wenig Freude haben. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, wem ich dieses Hörspiel nahelegen würde und muss trotz der genannten positiven Aspekte, diesem Werk die Wertung Schrott geben. 
 
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Die Maske des roten Todes
Autor: Edgar Allan Poe
Laufzeit: ca. 65 Minuten
Verlag: Titania Medien

Gruselkabinett – Folge 46: Die Maske des roten Todes

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4.2 von 5 Sternen (23 customer reviews)

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Jasmin Dahler

Jasmin Dahler

Lebt in der Welt der Superhelden. Gut eigentlich in der Welt der Superschurken. Egal ob Comics, Games oder Filme, alles wird leidenschaftlich konsumiert.
Hauptthemen: Comics, Hörspiele, Games

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